Next Banking in Berlin: Der Gegenentwurf zu müden „Traditionsbanken“

by Dirk Elsner on 16. Juni 2009

Gestern hatte ich in einem Blogbeitrag den Rückfall traditioneller Banken in alte Verhaltensmuster kritisiert. Passend erschienen dazu gestern verschiedene Beiträge, die sich ebenfalls mit dem passiven Verhalten und der Intransparenz befassten. In “Krise ist kein Grund zu schweigen” kam die Kritik ausgerechnet vom Chef des Anlage-Riesen Allianz Global Investors, der gleich wieder eine Worthülse abfeuerte: „Nach den vielen Enttäuschungen, die Anleger erlebt haben, muss man sehr offen und geradlinig kommunizieren“. Vielleicht komme ich am kommenden Wochenende dazu, mal zu schauen, wie offen und gradlinig  Allianz Global Investors kommuniziert. Daneben warnen Kommunikationsberater Unternehmen davor, die Konjunkturkrise als Ausrede zu benutzen und sich kommunikativ wegzuducken und fordern Unternehmen gerade in der aktuellen Krise zu mehr Transparenz auf.

Weiter ging es im Beitrag “Warum die Bank am Ende immer verdient” um die hinlänglich bekannten Defizite der Vertriebsmodelle im Privatkundengeschäft. Aber auch auf der strategischen Ebene handeln sich deutsche Institute Kritik ein. So bemängelt der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Erik Nielsen, in der Printausgabe der FAZ die Zurückhaltung europäischer Institute zu der Durchführung von Stress Tests, die gerade als Chance gesehen werden, wieder kapitalmarktfähig zu werden.

Soweit der Nachschlag zum gestrigen Artikel, mit dem ich eine Überleitung zur Veranstaltung “Next Banking” heute in Berlin versuche. Die von den Veranstaltern geweckten Erwartungen an ein neues Banking für dieses Event sind hoch. Auf der Konferenzseite heißt es u.a.:

“next banking -confernce- Digital, mobil, sozialvernetzt – die neuen Banken” unter diesem Titel werden am Dienstag dem 16.6.2009 in Berlin digitale Trends und Visionen für die Banken der Zukunft diskutiert. Das Spektrum reicht von Social Media Strategien in etablierten Banken, über Mobile Payment & Banking Anwendungen, elektronische Prognosemärkte, Risikobewertung bei Mikrokrediten bis hin zu ganz neuartigen Geschäftsmodellen von smava und der Fidor AG. Unter dem Blickwinkel der “Funktion statt Konvention” (in Anlehnung an Prof. Faltin, Arbeisbereich Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin) wird die Frage “Wozu Banken?” in den Raum geworfen, Alternativen diskutiert und Chancen aufgezeigt.

Das Spektrum reicht von Konzepten für neue mobile Zahlsysteme bis hin zu radikalen Gegenentwürfen zu unserer heutigen Finanzwelt. Unser wichtigstes Ziel für die next banking -conference- ist es, genau diese Menschen zusammen zu bringen, um so Innovationen voranzutreiben”

Tatsächlich ist schon länger so etwas wie ein schleichender Umbruch erkennbar.  So boomen im Anlagegeschäft die transparenten und kostengünstigen etf-Fonds, die den traditionellen Fondsgesellschaften immer mehr Kunden abnehmen. Dies geschieht zurecht, denn die intransparenten Gebührenmodelle sowie die unterdurchschnittliche Performance der  klassischen Fonds vergraulen immer mehr Kunden. Die Fondsgesellschaften haben trotz jahrelanger Kritik kaum auf diese Entwicklung reagiert. Dabei gibt es auch Möglichkeiten diesseits der etf-Fonds, wie der Blick Log in einem anderen Beitrag aufgezeigt hat.

Dass nicht bereits viel mehr Kunden ihre Vermögen umdisponiert haben, liegt an einer nachvollziehbaren Trägheit vieler Anleger im Umgang mit Geld (man wechselt halt nicht täglich seine Bank oder Vermögensverwalter). Und es mangelt (noch) an Alternativen bzw. diese Alternativen haben noch nicht die aus Kundensicht notwendige Reputation erreicht. Um bei der Pflanzenmetapher zu bleiben: Die Kunden wollen zunächst erste Blüten sehen, bevor sie in den neuen Garten gehen. Um Reputation aufzubauen, benötigt eine Bank neben guten Ideen, einem validen Geschäftsmodell und geduldigen Investoren vor allem Geduld. Dies scheint die Quirin Bank zu haben, die ein Modell der Honorarberatung aufgebaut hat, bei dem es keine versteckten Entgelte oder gar Kick-backs an die beratende Bank geben soll.

Banking 2.0 mehr als nur ein Buzzwort?

Das Stichwort Banking 2.0 ist für viele traditionelle Institute weiter ein Fremdwort. Mit dem zugegeben mittlerweile überstrapazierten “Hype-2.0-Begriffen” sind freilich hohe Erwartungen an die wie auch immer geartete Einbeziehung der Kunden verbunden. Dies kann sich keinesfalls auf ein paar Kundenumfragen beschränken oder einem Kontaktformular auf der Homepage. Die Institute müssen lernen, das Web 2.0 zu verstehen und daraus Leistungen zu generieren.

Aber gerade vor Begriffen wie Banking 2.0 grault es vielen Bankern. Ihnen steht hier ihr traditionelles Denken im Wege. Sie verwechseln offenbar Offenheit und Transparenz mit der Preisgabe von Geschäftsgeheimnissen oder gar Kundendaten.

Mangel an Experimentierfreude?

Während viele Mitarbeiter oder mittlere Führungsebenen sich mehr Offenheit und Experimentierfreude vorstellen können, verweigert die Führungsspitze den Dünger für neue Ideen. Hier mangelt es an einer Kultur des Herumprobierens. Experimentieren wird gern mit dem Eingehen unkalkulierbarer Risiken gleich gesetzt. Dabei hat gerade das Nachahmen US-amerikanischer Geschäftsmodelle deutsche Institute zum “Weltmeister riskanter Bankgeschäfte” gemacht.

Hier wünscht man sich mehr Mut, hat es aber möglicherweise mit einem kulturellen Hemmnis zu tun, wie Nasim N. Taleb in seinem Buch der “Schwarze Schwan” vermutet. In Europa und Asien sei es nach seiner Auffassung nicht angesagt, Misserfolge zu produzieren.

Zaghafte Aufblühen einer neuen Bankingkultur

Die Einschätzungen von Taleb werden aber glücklicherweise durch neue spannende Ansätze, wie man Mehrwerte aus der Community ziehen kann, widerlegt. Dies zeigen etwa Börsenportale wie Sharewise, dessen Service ein gutes Beispiel für eine neue Dimension der Transparenz sein könnte. smava “revolutioniert” die Kreditvergabe durch die Delegation der Kreditvergabeentscheidung an die Einleger (Fachwort peer-to-peer lending). Ein sehr interessanter Ansatz (mehr hier), bei dem Kredite direkt zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber vermittelt werden. Neben Smava tummelt sich mittlerweile mindestens ein weitere Anbieter in diesem Segment, nämlich auxmoney (siehe auch diese Übersicht in Wiwo).

Solche Ansätze könnte man mit der entsprechenden Plattform leicht ausweiten auf die Bereitstellung von Eigenkapital für kleinere und mittlere Unternehmen.

Weitere spannende Geschäftsmöglichkeiten liegen in neuen Instrumenten zum Risikomanagement, wie sie z.B. Robert Shiller in seiner neuen Finanzordnung sehr konkret beschreibt. Trotz populistischer Kritik an derivativen Finanzinstrumenten, sollte nicht vergessen werden, dass sie ursprünglich geschaffen wurden, um Risiken zu begrenzen. Statt sie Applaus heischend zu verdammen, könnte mehr Energie darauf gesetzt werden, Derivate sinnvoll einzusetzen und auf weitere Anwendungsmöglichkeiten auszudehnen.

Shiller und Taleb, die beide deutliche Kritik am Bankwesen in der bisherigen Prägung üben, plädieren keineswegs für die Risikovermeidung. Das Gegenteil ist der Fall. Beide sagen, wir als Menschen und Gesellschaft können uns nur weiterentwickeln, wenn wir weiter bereit sind, Risiken eingehen. Wir müssen dabei die positiven Risiken suchen (Taleb) und uns gegen negative Risiken absichern können (Shiller). Während Taleb dafür plädiert, durch Herumprobieren bewusst nach positiven Schwarzen Schwänen zu suchen, empfiehlt Schiller die Förderung persönlicher auch exotischer Neigungen und deren Absicherung gegen wirtschaftliche Risiken durch neu zu schaffende Derivate.

Einbeziehung der Community

Weitere Entwicklungen in Richtung Banking 2.0 verspricht der von Kröner ins Leben gerufene Blog von fidor, der sich explizit mit Banking 2.0-Ansätzen auf Xing (Zugang nur mit Registrierung) befasst. Die Fidor Community Banking fördert über die Seite gemege.de die Diskussion mit den Nutzern von Bankdienstleistungen, z.B. darüber, welche Produkte Sinn machen und welche keinen Sinn.

Fidor zeigt, dass Anregungen der Kunden ernst genommen werden können, was nicht bedeutet, dass man alles machen muss, was die Community vorschlägt. Auch im Banking 2.0 gilt die Gravitationstheorie der Finanzwelt.

Es tut sich also durchaus etwas. Und ich bin heute gespannt, ob ich heute weitere Modell kennenlerne und wie überhaupt die Stimmung im New Banking ist.

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