Next Banking in Berlin: „Ablehnen, kritisieren, nachmachen“

by Dirk Elsner on 18. Juni 2009

Das war ein spannender Tag am Dienstag in einer kreativen Location (The Hub) in Berlin. Die “Next Banking Konferenz” hatte eingeladen, einen Blick in das Banking der Zukunft zu wagen. Die große Revolution wurde erwartungsgemäß nicht ausgerufen. Es sind jedoch viele zarte Blüten erkennbar, von denen durchaus einige das Zeug haben, dem Old Banking mehr als nur ein paar Geschäfte wegzunehmen. Noch ist es freilich nicht so weit.

Schade, dass traditionelle Institute mit einer Ausnahme die Veranstaltung gemieden haben. Es hätte einen noch fruchtbareren Dialog geben können. Erforderlich ist dieser Dialog angesichts der Entwicklungen im Bankensektor für beide Seiten. Die traditionellen Banken müssen sich aktiv mit neuen Entwicklungen befassen. Die Avantgarde des New Banking sollte aber die Probleme der klassischen Banken kennen, um frühzeitig alte Fehler zu vermeiden. Nur leider fehlten diese Teilnehmer der Veranstaltung.

So bleibt die Vermutung, dass sich viele Banken ähnlich verhalten, wie zu Zeiten als die Direktbanken aufkamen: “Ablehnen, kritisieren, nachmachen.” Das Copyright auf dieses Zitat gehört übrigens Matthias Kröner, der auf unterhaltsame Art mit den “Klassikern” abrechnete.

Die Ausnahme unter den traditionellen Institute machte übrigens die GLS Bank aus dem Genossenschaftssektor. Sie präsentierte sich sehr transparent und webfreundlich. Hier soll man sogar demnächst aus dem Netz erfahren, in welche Einzelanlagen das Institut ihr eigenes Geld investiert. Bisher gibt es das nur offline. Diese Form der Transparenz hat die Bank übrigens schon vor der Finanzkrise betrieben. Nun gilt sie als Vorzeigebank, die mittlerweile vor der Herausforderung steht, das starke Wachstum organisatorisch zu bewältigen.

Transparenz bleibt aber vorerst für klassische Banken ein Fremdwort, ähnlich wie kundenfreundliches Verhalten. Die entsprechenden Empfehlungen des Bundesverband Deutscher Banken für neue Leitlinien zur Stärkung des Anlegervertrauens im Retail-Geschäft hat das Auditorium übrigens mit einem süffisanten Lächeln quittiert.

Allerdings scheinen viele Institute angesichts der umfangreichen Regulierung und komplexer interner Abläufe und IT gefangen in ihren Geschäftsmodellen. Schnelle Reaktion auf neue Marktentwicklungen sind so kaum möglich. Für die Umsetzung  neuer Ideen könnte es daher deutlich einfacher sein, ein neues Institut zu gründen, als schwerfällige Organisationsstrukturen und komplexe IT-Prozesse eines etablierten Instituts anzupassen. Aber auch für neue Institute gilt die Gravitationstheorie der Finanzmärkte und dazu gehören besondere Sicherheitsstandards.

Mehr Kommunikation mit dem Kunden hätten die Institute allerdings schon längst wagen müssen. Hier sahen die Veranstaltungsteilnehmer erhebliche Defizite. Der aktiv webgestützte Dialog wird von kaum einer Bank gesucht. Es reiche dabei übrigens nicht aus, sich lediglich einen Twitter-Account zuzulegen. Kommunikationsinstrumente wie Blogs, Facebook oder Twitter müssen quasi “artgerecht “genutzt werden. Die Verwendung dieser Kanäle als Pipeline für monotone Verkaufspostings akzeptiert die Community schon lange nicht mehr.

Die Bankenwelt übersieht dabei, dass die community-erfahrenen Nutzer bereits in die Rolle attraktiver Kunden hineinwachsen und immer mehr Entscheidungsträger in Unternehmen stellen, die nach anderen Kriterien Bankdienstleistungen auch für Unternehmen auswählen. Banken, die sich weiter nur abschotten, werden hier zu den Verlierern gehören. Dabei verfügen Banken über eine Eigenschaft, die sie vielen reinen Webfirmen voraus haben: Sie können online-Kontakte auch offline bestätigen. Dieses ist gerade für die Vertrauensbildung ein wichtiger Wert, den die meisten Institute weder erkannt haben noch nutzen.

Das Web ist eine Abbildung der Realität. Und genau deswegen kann nicht alles gut sein, was im Web gemacht wird. Diese selbstkritische Reflektion sprach für die Qualität der Referenten und des Auditoriums. Selbstverständlich kennt die Netzwelt viele “Schwarze Schafe”. Meldungen über gekaufte Blogeinträge oder geschönte Bewertungsprofile ermahnen zur Sensibilität im Umfeld des Web 2.0. So tun Retailkunden z.B. gut daran, nicht jedem Girokontenvergleichsdienst oder Anlageempfehlung blind zu vertrauen. Die Kunden müssen lernen, die Informationen aus dem Netz richtig zu werten und zu verarbeiten. Immerhin helfen hier mittlerweile  viele Communities beim fachlichen Austausch.

Dies Entwicklung ignorieren aber bislang die meisten Institute. Ein Grund dafür läge, so ein Zuhörer, in den Grundlagen des Geschäftsmodells der Banken. Die Modelle basierten nämlich auf mangelnder Fachkenntnis der Kunden. Banken konnten hunderte von Jahren von der Intransparenz ihrer Geschäfte sehr gut leben. Es spricht viel dafür, dass sich dies derzeit ändert.

Die auf der Veranstaltung vertretenen professionellsten Highlights im New Banking waren sicher Smava und die Fidor Bank. Beide sind aber an anderen Stellen hinlänglich vorgestellt, so dass ich mir eine Beschreibung und weitere Kommentierung sparen darf.

Im anschließenden Small-Talk (heute heißt das ja Networking) hatte ich Freude, über die Erweiterung des Peer-to-Peer-Gedanken hin zu einer Eigenkapitalplattform zu diskutieren. In Anlehnung an das Smava-Prinzip könnte man prinzipiell nämlich eine peer-to-peer-basierte Eigenkapitalplattform für Unternehmen konstruieren, die mittelständischen Unternehmen die Eigenkapitalbeschaffung erleichtert. Aufgabe der zwischengeschalteten Plattform wäre es, z.B. eine standardisierte Due-Diligence (analog der Kreditwürdigkeitsprüfung) durchzuführen und für entsprechendes Reporting zu sorgen. Daneben gäbe es natürlich eine Kommunikationsplattform zwischen kapitalgebenden und kapitalsuchenden Personen bzw. Institutionen. Weitere Details hebe ich mir für einen späteren Beitrag auf.

Abschließend ein paar weitere Schlagzeilen aus der von Viktoria Trosien und Martin Ciesielski ganz hervorragend moderierten Veranstaltung:

  • Crowdfunding ist eine Thema, mit dem man sich näher befassen sollte.
  • Die Funktionen von Banken werden auch in der Zukunft benötigt. Ob dies stets in dem gegenwärtigen institutionellen Rahmen erfolgen wird, wird angezweifelt.
  • Kontoinformationen per RSS-Feed.
  • Personal Financing Dashboard als Service für Retailkunden.
  • Social Media kann Vertrauen generieren.
  • Neue Kommunikationsformen funktionieren nur, wenn sie vom Top-Management mitgetragen werden. Es reicht nicht aus, die Impulse nur aus dem Marketing oder der PR-Abteilung kommen zu lassen.
  • betterplace.org ist ein Modell, das zwar nicht unmittelbar etwas mit Bankdienstleistungen zu tun hat, man sich aber dennoch ansehen sollte
  • Variabilisierung von Backofficekosten ist eine wichtige organisatorische Hausaufgabe von Banken
  • Ist der Peer-to-Peer-Handel von Aktien eine neue Geschäftsidee?
  • Die Queo GmbH stellte ihre Software CrowdWorx für Prognosemärkte (in meinem Blog nenne ich das Vorhersagemarkt) vor und sieht dafür einen Markt in Deutschland. Persönlich glaube ich, dass queo das Geschäftspotential noch unterschätzt, wenn sie ihren “Handelsplatz” nur für unternehmensinterne Märkte einsetzt.

Rückblickend bleibt festzuhalten, dass es in der Next Banking Konferenz sehr viel um Kommunikation, Social Media und Brainstorming für neue Produkte ging. Außer bei Smava und Fidor spielten aber  konkrete an Bankfunktionen orientierte Transaktionsformen nur eine untergeordnete Rolle. Um diese zu beleuchten bedarf es sicher einer weiteren Veranstaltung dieser Art, dann hoffentlich mit mehr Vertretern des “Old-Bankings”, die aber offen für neue Ideen sein sollten.

Weitere Informationen sind über die Homepage der Veranstaltung zu finden. Die Präsentationen können mittlerweile hier eingesehen werden. Weitere Berichte über die Veranstaltung gibt es auch:

Freitag: Macht euch eure Bank selbst

Geldmagazin: Der neue Trend: Social Banking?

electrouncle: Nach der next banking

Beiträge im Blick Log zu Veränderungen im Banking

Next Banking in Berlin: Der Gegenentwurf zu müden “Traditionsbanken” (16.6.09)

Next Banking Smava: Ein Kreditmarkt, auf dem selbst bestimmt wird (10.6.09)

Vorsichtige Renaissance der Verbriefungsmärkte aber immer noch investment first (4.6.09)

Entwicklungen zwischen Banking 0.5 und 2.0 (26.5.09)

Banking 0.5: Relaunch der Banken bleibt (noch) blass (20.5.09)

Ausbaufähiger Vorschlag zur Eigenkapital-Finanzierung für den Mittelstand (16.4.09)

Es ist die Zeit, eine Bank zu gründen (20.3.09)

Venture Capital + Private Equity: “Bezahl die Unternehmer, um das richtige Geschäft zu finden!” (19.3.09)

Gezeitenwechsel im Wealth Mangement (17.3.09)

Die Provisionsschneiderei der Vermögensverwaltungen und Versicherungen am Fall Madoff (18.2.09)

Eine Lehre aus dem Fall Madoff für Vermögensverwaltung (31.1.09)

Geldvernichtung: Von Madoff bis zu einem Fonds der “Hamburger Vermögen” (28.1.09)

Vorhersagebörsen als relevante Prognoseinstrumente (3.11.09)

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