Griechenland löst ein Stück des Bewertungspuzzles der Hypo Real Estate und wirft neue Fragen auf

by Dirk Elsner on 4. April 2012

Toxic Wasteland - Cyanide Storage RoomEs ist schon eineinhalb Jahre her, da fragte ich in diesem Blog mit welchen Bewertungen eigentlich die marode Hypo Real Estate ihre toxischen Papiere in die damals gerade gegründete Bad Bank auslagerte. Bekanntlich musste ja die Hypo Real Estate (HRE) verstaatlicht werden und durfte ihre riskantesten Papiere in die FMS Wertmanagement (FMS) auslagern (siehe dazu diesen Beitrag im Blick Log). Damals hatte die Hypo Real Estate in die vom Bankenrettungsfonds SoFFin getragene FMS Anleihen, Kredite, CDOs, ABS-Paketen etc. im Nominalvolumen von ca. 173 Mrd. Eurosowie kurzfristige Refinanzierungsmittel und Derivate übertragen.

Niemand hat bisher öffentlich erläutert (oder ich habe die Erläuterung in den Tiefen des Netzes nicht gefunden), wie die damalige Zahl von 173 Mrd. Euro eigentlich ermittelt wurde. Damals gab es jedenfalls eine Meldung im Handelsblatt, die auf Bewertungsunklarheiten hin deutete. Je nach Bewertungsmethode konnte man für die sich hinter den 173 Mrd. verbergenden über 12.500 Einzelpositionen aus fast 70 Rechtsräumen zu deutlich niedrigeren Wertansätzen kommen. Zu diesen Positionen sind wie gesagt noch die Derivate zu addieren, über die die HRE keine genauen Angaben gemacht hatte. In der damaligen Pressemeldung der HRE ist lediglich von einem “Nominalvolumen” die Rede, die FMS selbst schrieb später in ihrem Jahresbericht 2010 übrigens vom Nominalwert. Unklar ist, ob mit Nominalwert hier etwa der ursprüngliche Nennwert der Anleihen gemeint ist.

Wenn tatsächlich die Anleihen zum Nennwert übertragen wurden, also Wertminderungen nicht berücksichtigt wurden (was übrigens bei nicht dauerhaften Wertminderungen unter bestimmten Umständen erlaubt ist), dann war damals bereits (und aktuell noch viel mehr) das für den Steuerzahler übernommene Risiko gewaltig. Der Grund ist einfach. Bereits damals, also noch vor der Eskalation der europäischen Schuldenkrise, dürfte der Marktwert des übertragenen Portfolios, deutlich unter 173 Mrd. Euro gelegen haben, was keine überraschende Feststellung ist.

Der Schuldenschnitt Griechenlands im letzten Monat hilft nun etwas bei der Aufklärung, wirft allerdings auch neue Fragen auf. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte am vorletzten Freitag, die FMS müsse wegen des Schuldenschnitts von Griechenland zusätzlich 3,1 Mrd. Euro auf griechische Anleihen abschreiben. Damit summieren sich die Abschreibungen auf die Bestände Griechenlands auf insgesamt 8,9 Mrd. Euro. Die FMS selbst hatte in einer Presseinformation am 8.3. darüber informiert, dass sie bereits 2011 Risikovorsorge im Umfang von knapp 6 Mrd. gebildet hatte (das sind 200 Mio. Euro mehr als Schäuble nannte). Sie bestätigte außerdem, dass sie zum 1.10.2010 Griechenland-Anleihen und Kredite im Nominalwert von rund 9,1 Euro übernommen hatte.

Die veröffentlichten Daten verwirren mich ein wenig. Addiert man Schäubles 3,1 Mrd. zusätzlicher Wertberichtigung und die von HRE genannten “knapp” 6 Mrd. Euro, dann erhält man in der Summe “knapp” 9,1 Mrd. Euro Risikovorsorge bzw. Wertberichtigung. Das entspricht aber (zufällig?) exakt dem damals übernommenen “Nominalvolumen”.

Das lässt wiederum zwei Interpretationen zu

  1. Wenn 2010 der Nominalwert dem Nennwert entsprochen hätte, dann häte die FMS jetzt mehr abgeschrieben als notwendig. Denn selbst nach dem Schuldenschnitt hat das Konvolut an Rechten, die die Altschuldner erhalten, immer noch einen positiven Marktwert, der etwa zwischen 20% und 30% des ursprünglichen Nennwertes beträgt. Bei einem Verkauf könnte die FMS dann einen Gewinn erzielen (und damit positive Schlagzeilen für Herrn Schäuble und das Management der FMS machen).
  2. Wenn 2010 der übernommene Nominalwert dem damalige Buchwert entsprach, dann hat die Hypo Real Estate damals immerhin doch ein paar Risiken vor der Übertragung auf die eigene Bilanz genommen bzw. schon in den Jahren davor etwas Vorsorge betrieben. Das Dynamit in der FMS wäre damit nicht ganz so gefährlich, wie man vermuten könnte. Dennoch bleibt damit die Frage, was eigentlich unter Nominalwert in der Sprache der FMS zu verstehen ist.

Möglich aber auch, dass in den Wertberichtigungen auch Derivate enthalten sind, wie man hört. Tatsächlich besteht weiter große Unklarheit über die Vernmögenspositionen und Risiken der FMS. Angesichts der bisher in keinem Haushalt enthaltenen Haftungsrisiken für die Steuerzahler halte ich das für einen Skandal. Immerhin will die FMS nach Informationen der Wirtschaftswoche bald einen „realistischeren Plan en Detail der Öffentlichkeit präsentieren. „Sofern der Bundesfinanzminister dem zustimmt“, heißt es im Umfeld der FMSW.“

Mich interessiert zu welcher Interpretation die Leser dieses Blogs neigen. Vielleicht hat jemand ja noch eine weitere Interpretationen oder entdeckt einen Denkfehler. Ich freue mich über entsprechende Hinweise in den Kommentarfeldern.

Ansonsten bestätigt ein Bericht von Spiegel Online meine Vermutung aus den vergangenen Jahren, dass bei der Transaktion, die Hypo Real Estate von ihren Altlasten zu befreien, mächtig die Risiken für uns Steuerzahler unter den Teppich gekehrt wurden.

Weitere Diskussion darüber gern auch auf Google+ oder Twitter.

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