Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie (14): Kooperation schlägt Defektion, aber nicht immer

by Dirk Elsner on 13. März 2017

Edward E. Wilsons Spätwerk “Die soziale Eroberung der Erde” hat mich zu dieser Beitragsreihe inspiriert (siehe Prolog). Das Buch des Biologen (dazu hier) und viele weitere Texte haben mich überzeugt, dass die Evolutionstheorie eine bessere methodische Basis für die Erklärung ökonomischen Verhaltens liefert als die ökonomische Theorie.[1] Ich habe daneben gezielt nach dem Scharnier zwischen Evolutionstheorie und Ökonomie gesucht. Ein solches Scharnier zwischen den eher allgemeinen Erklärungen der Evolutionstheorie und dem auch für die Wirtschaftspraxis relevanten menschlichen Verhalten habe ich in den Neurowissenschaften und der Biopsychologie[2] gefunden (siehe dazu Teile 10, 11 und 12).

clip_image002

Kolosseum in Rom: Ort der Kooperation und Unfairness

Längst befassen sich immer mehr Ökonomen mit den neuen Ansätzen. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersucht man etwa wie psychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse über menschliche Motivation, Emotionen, und soziale Kognition die ökonomischen Modelle zur Entscheidungsfindung beeinflussen können. Hier schaffen Wissenschaftler eine neue Generation von Wirtschaftsmodellen, die kooperative, prosoziale und nachhaltige ökonomische Verhaltensweisen berücksichtigen.[3]

Bisher erschienen in dieser Reihe “Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie”

Kooperation als ein Grundpfeiler menschlichen Verhaltens

Steven J. Bosworth, Tania Singer und Dennis J. Snower sehen einen der Hauptgründe für den bisherigen “Erfolg” des Menschen in seiner Fähigkeit zur Kooperation. Sie kritisieren die Mainstream-Ökonomie, die den Menschen als selbstinteressiert, rational sieht und für die Zusammenarbeit nur dann Sinn macht, wenn er daraus wirtschaftliche Vorteile erhält.[4]

Bosworth, Singer und Snower haben in einem interessanten Arbeitspapier herausgearbeitet, dass die Entscheidungen von Menschen durch psychologische Motive getrieben werden, die mit einem bestimmten Satz von Präferenzen verbunden sind. Die Motive werden danach durch verschiedene soziale Umgebungen aktiviert und verändert.[5] Das bedeutet im Klartext, unsere Präferenzen sind nicht nur abhängig von unseren individuellen Einstellungen, wie es die klassische Ökonomie und auch die Behavioral Economics sehen, sondern sind auch das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen dem Individuum (mit verschiedenen Eigenschaften) und ihrem jeweiligen sozialen Umfeld. Veränderungen des “social settings” führen unter sonst gleichen Bedingungen zu einem Motivwechsel.[6] Das bewegt sich im Einklang mit der modernen Evolutionstheorie in der Variante der Multilevel-Selektion. Eines der wesentlichen Merkmale menschlichen Verhaltens im Modell der Multilevel-Selektion ist das Streben nach Gruppenzugehörigkeit (mehr dazu hier und hier).

Das mag trivial klingen, ist es aber nicht, denn die Ökonomie und die auf ihr beruhenden Entscheidungen der Wirtschaftspraxis verfolgen einen anderen Ansatz. Die neoklassische Ökonomie basiert auf einem durch pekuniäre (vorwiegend finanzielle) Anreize gesteuerten selbstinteressierten Agenten mit stabilen und konsistenten Präferenzen. Das Modell ist nicht haltbar. Stattdessen, so Bosworth, Singer und Snower ist ökonomische Aktivität das Ergebnis eines Zusammenspiels individueller Entscheidungen und sozialer Kräfte:

“individual decisions influence the payoffs from social interactions, which influence the evolution of dispositions, which in turn affect individual decisions.”[7]

Um hier erneut einem Missverständnis vorzubeugen. Der hier favorisierte Ansatz der Evolutionstheorie in der Variante der Multilevel-Selektion-Theorie postuliert nicht die sozialromantische Vorstellung, dass alle Menschen stets kooperieren bzw. kooperieren sollen. Auch Bosworth, Singer und Snower schreiben über unterschiedliche Typen:

“Social settings encourage or discourage pro-social motives and people encounter these settings with idiosyncratic frequencies. With the passage of time, people’s dispositions are plastic, shaped by the social settings they encounter. People who encounter predominantly settings that are hostile to cooperation may develop selfish dispositions; those who encounter mostly settings that encourage cooperation may develop pro-social dispositions; and people who encounter a more balanced mix of settings, both supportive and discouraging of cooperation, may become adaptable to the settings in which they participate.”[8]

Martin A. Nowak, österreichisch-US-amerikanischer Mathematiker, Biologe und Professor an der Harvard Universität hat in dem populärwissenschaftliche Buch “Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution” seine in vielen Fachaufsätzen veröffentlichten Forschungserkenntnisse zum Thema Evolution und Kooperation zusammengefasst:

“Ohne Kooperation geht nichts, weder auf Genomebene, Zellebene noch auf Individualebene. Und im letzteren Fall ist das keineswegs beschränkt auf Insektenstaaten. Menschen zählen nach Nowak zu den äußerst kooperativen Arten. Kooperation ist überlebenswichtig. … Die zentralen Begriffe sind bei Nowak die direkte und die indirekte Reziprozität. Das meint folgendes: Direkte Reziprozität hat die Grundhaltung: Ich helfe dir, wenn du mir hilfst (Tit-for-tat). Das ist eine bestimmte Form der Kooperation, und zwar eine außerordentlich stabile. Die indirekte Reziprozität hat die Grundhaltung: Ich helfe dir, irgendjemand wird mir helfen. Dieses letztere Denkschema macht laut Nowak uns Menschen erst zu Menschen. Indirekte Reziprozität brachte laut Nowak im Selektionsdruck die menschliche Sprache ebenso hervor wie soziale Intelligenz. Evolution ist nicht nur Wettbewerb, sondern auch Kooperation auf vielen Ebenen, etwa zwischen Genen, Zellen, Organen und auch Individuen.”[9]

Fünf Mechanismen der Kooperation

Nowak arbeitet fünf Mechanismen der Kooperation heraus, die den Menschen dahin gebracht haben, wo er jetzt in der Evolution steht: [10]

  1. Wiederholung (direkte Reziprozität)
  2. Reputation (indirekte Reziprozität)
  3. Räumliche Selektion
  4. Multilevel Selektion
  5. Verwandtenselektion

Nowak bezeichnet Menschen als Superkooperatoren, die als einzige biologische Art in der Lage ist, alle fünf Mechanismen der Kooperation zu nutzen. Seine Ergebnisse untermauert er in seinem Buch analytisch, quantitativ und mathematisch[11]:

“Mit diesen fünf Mechanismen der Kooperation sorgte die natürliche Auslese dafür, dass wir von einem Leben in Gesellschaft mehr profitieren als von einem einsamen Dasein, in dem wir egoistisch eigene Ziele verfolgen. Dank dieser Mechanismen kann aus dem im Wesentlichen auf Konkurrenz ausgerichteten Antrieb in vielen Situationen Kooperation erwachsen. Weil diese Mechanismen unsere Instinkte über Generationen hinweg prägten, überrascht es auch nicht, dass sich so universelle Verhaltensweisen wie Liebe, Freundschaft, Eifersucht und Teamgeist quer durch alle Gesellschaftsformen etabliert haben.”[12]

Defektion unterliegt Kooperation

Auch Nowak gibt sich in seinem Buch nicht der Illusion hin, dass es keine Defektion gibt. Aber dank des Mechanismus der Multilevel-Selektion gedeiht Kooperation. Gruppen mit einem höheren Anteil an Menschen, die bereit sind, für das übergeordnete Wohl zurückzustecken, können besser abschneiden, selbst wenn es immer einen Anreiz zur Defektion gibt. Als Gruppen sieht er z.B. ein Volk, ein Kult oder eine Religion, aber auch Teams in einem Unternehmen, Vereine, Fanzugehörigkeiten und viele andere Gruppierungen.

In der direkten oder indirekten Reziprozität spiegelt sich nach Nowak die traditionelle Vorstellung, wonach auf eine Leistung eine Gegenleistung erfolgen muss. Nowak hat seinen Untersuchungen herausgefunden, was ihn selbst erstaunte:

“Die Strategien, die sich unter den Bedingungen der direkten und indirekten Reziprozität als siegreich erwiesen, müssen trotz des konkurrenzorientierten Umfelds folgende «gemeinnützige» Eigenschaften besitzen: Sie müssen hoffnungsfroh, großzügig und nachsichtig sein. «Hoffnungsfroh» heißt hier, dass ich neuen Kontakten anfangs mit der Zuversicht begegne, dass ich mit ihnen eine Basis für Kooperation schaffen kann, wenn ich mich zunächst kooperativ zeige. «Nachsichtig» heißt: Wenn jemand defektiert, bemühe ich mich ernsthaft darum, wieder eine kooperative Beziehung herzustellen. «Großzügig» meint, dass ich in der Mehrzahl der Interaktionen mit anderen keine kurzsichtige Perspektive einnehme. Ich beklage mich nicht, wenn jemand besser abschneidet als ich und sich ein größeres Stück vom Kuchen nimmt. Stattdessen begnüge ich mich mit gleichen oder sogar etwas kleineren Anteilen, profitiere aber insgesamt von vielen fruchtbaren und hilfreichen Interaktionen. Dadurch gibt es insgesamt deutlich mehr Stücke vom Kuchen zu verteilen.”[13]

Wo kooperiert wird, lauert die Gefahr der Ausbeutung

Wie auch andere Autoren, die aus der Biologie kommen, weiß aber auch Nowak, dass dort, wo Kooperation herrscht, die Gefahr der Ausbeutung lauert.

“Sprungbereit warten im Dunkeln Defektoren darauf, bei passender Gelegenheit zuzuschlagen. Schon bei den ersten Simulationen, die ich vor Jahrzehnten mit Karl Sigmund durchführte, zeigte sich, dass das Geschehen im Spiel stets Schwankungen unterworfen ist: Kooperation kommt und geht. Sie gedeiht und verdorrt und muss in endlosen Zyklen immer wieder aufkeimen.”[14]

Nowak bestätigt auch das, was wir von Edward O. Wilson gelernt haben:

“Die Geschichte der Menschheit verläuft in einem endlosen Spannungsfeld, in der eigene, kurzsichtige Interessen dem beispielhaften Bestreben entgegenstehen, langfristige kollektive Ziele zu erreichen. Inzwischen, so glaube ich, verstehen wir, wie im Gefangenendilemma Kooperation über Defektion obsiegen kann. … Mutation und natürliche Auslese reichen für ein Verständnis des Lebens nicht aus. Notwendig einbezogen werden muss auch Kooperation. Sie ist die Chefarchitektin dessen, was die Evolution in vier Milliarden Jahren zustande gebracht hat. Durch Kooperation entstanden die ersten bakteriellen Zellen, dann höhere Zellen, dann komplexes mehrzelliges Leben und schließlich auch Superorganismen aus Insekten. Am Ende errichtete Kooperation die menschliche Kultur und Gesellschaft.”[15]

Natürliche Kooperation als Grundprinzip in der Evolutionstheorie

Nowak schlägt vor, die “natürliche Kooperation” als ein Grundprinzip in der Evolutionstheorie zu verankern, um die von Darwin formulierten Prinzipien zu stützen. “Kooperation bringt in lebender Materie höhere Grade an Organisation hervor. Sie ermöglicht eine größere Vielfalt durch neuartige Spezialisierungen, neue Nischen und neue Arbeitsteilungen. Kooperation macht die Evolution konstruktiv und endlos offen für Neuschöpfungen.”[16] Sein Buch macht aber auch deutlich:

“Ein Utopia der Kooperation existiert nicht. Der Grad, in dem sich eine Gesellschaft kooperativ verhält, schrumpft so zwangsläufig, wie er auch wieder wächst. … Auch wenn wir nicht erwarten können, dass Kooperation ewig währt, sind wir hoffentlich in der Lage, drastische Abstürze zu verhüten oder zumindest sicherzustellen, dass sich kooperatives Verhalten über längere Zeiträume hinweg hält und nur gelegentlich zusammenbricht.“[17]

Biologische Mechanismen der Stammestreue und der Scham

Die Biologie hat Menschen also Mechanismen mitgegeben, die die Zugehörigkeit zu Gruppen fördern. Ich war darauf bereits in den Teilen 10, 11 und 12 eingegangen.

Um Gruppen auch im biologischen Sinne erfolgreich zu machen, sind Mechanismen notwendig, “die Individuen daran hindern, sich zwischen ihnen und anderen Gruppen freizügig hin und her zu bewegen: also so etwas wie eine Stammestreue oder ein Festhalten an der Gruppe.” Das, so Nowak, funktioniert auch über genetische Eigenschaften, zum Beispiel solche, “die Großzügigkeit, Gewissenszwang oder sogar Religiosität stärken. Gene, die den Gruppenzusammenhalt fördern und von der Selektion zwischen Gruppen abhalten, fördern wahrscheinlich ebenfalls einen angeborenen Sinn für Moral und Gruppenloyalität.”[18]

Nowak macht uns Hoffnung, denn er sieht nicht, dass wir uns zu amoralischen Soziopathen entwickelt hätten. “Gruppen von Männern und Frauen, die sich durchzusetzen wissen – tapfere, starke, innovative, kluge und edle -, dominieren tendenziell über solche Gruppen, in denen es an Integrität und Charakterstärke mangelt.”[19]

Stefan Klein ergänzt in seinem Buch “Der Sinn des Gebens” den biologischen Mechanismus der “Scham”. Er schreibt:

“Indem sie straften, erzeugen die Altruisten unter unseren Vorfahren einen neuen evolutionären Druck: Individuen, die sich an die Norm halten, vermehrten sich erfolgreicher als Rowdies. Das Leben in der Gruppe wirkte damit auf die menschlichen Gene zurück, und die Gesellschaft begann das Wesen unserer Vorfahren zu prägen. Ein beeindruckendes Beispiel für dieses Wechselspiel von Genen und Sozialverhalten ist die Scham. Dass wir uns schämen und Reue empfinden, ist zweifellos angeboren: Menschen aller Kulturen kennen diese Gefühle, Kinder zeigen sie schon vor ihrem zweiten Geburtstag. Doch während so gut wie alle anderen Emotionen auch bei Tieren auftreten, sind Scham und Reue nach heutigem Wissensstand Eigenheiten des Menschen. Dies ist ein starkes Indiz für die Vermutung, dass sie erst als Anpassung an das Leben in der Gemeinschaft entstanden.”[20]

Konkreter Handlungsvorschlag: Generous Tit for Tat

Nowak analysiert kooperatives Verhalten auf Basis spieltheoretischer Simulationen und bezieht das auf gesellschaftliche Entwicklungen. Grundlage ist dabei das Gefangenendilemma, das er als eine der großen Ideen des 20. Jahrhunderts bezeichnet, “weil es die Tragödie des sozialen Lebens in einem so klaren Modell zusammenfasst.”[21] Das Gefangendilemma ist ein Spiel, das so konstruiert ist, dass die Spieler gemeinsam ein anderes Interesse haben als die Spieler aus ihrer jeweiligen individuellen Sicht. Christian Rieck nennt das einen Konflikt zwischen kollektiver und individueller Rationalität.[22]

Nowak erklärt, dass Kooperation die Architektin komplexer Lebensformen ist. Zusammen mit Karl Sigmund hat er in verschiedenen Simulationen gezeigt, dass es in der sozialen Evolution immer wieder zu einem Kampf zwischen Defektoren und Kooperatoren kommt. Bei ihren Simulationen orientierten sich Nowak und Sigmund am weltberühmten Computerturnier von Robert Axelrod. Auf Basis des spieltheoretischen Modells des Gefangenendilemmas ließen sie, wie Axelrod, verschiedenste Strategien in einer Computersimulation gegeneinander antreten.

Interessant finde ich, dass in den Simulationen nicht “Tit for Tat” die überlegene Strategie war. Ein Spieler, der die Tit-for-Tat-Strategie anwendet, beginnt die Interaktion mit einem kooperativen („freundlichen“) Spielzug. Danach macht ein Tit-for-Tat-Spieler jeweils den letzten Zug des anderen Spielers nach. Hat der Gegenspieler „unfreundlich“ agiert, so antwortet der Tit-for-Tat-Spieler ebenfalls mit einer unfreundlichen Reaktion. Sobald der Gegenspieler sich wieder kooperativ verhält, tut dies auch der Tit-for-Tat-Spieler. Diese einfache Strategie gewann bekanntlich die Computerturniere von Axelrod zur Lösung des Gefangenendilemmas. “Tit for Tat” zeigt aber keine Bereitschaft zur Vergebung.[23]

In den Simulationen von Nowak und Co. setzte sich eine andere Strategie durch. Nowak nennt sie “Generous Tit for Tat” (die großzügige Tit-for-Tat-Strategie) nannten. Nowak erklärt sie so: “einen guten Zug niemals vergessen, aber einen schlechten gelegentlich vergeben.”[24] Und weiter schreibt er:

“Bei ihr hat die natürliche Auslese den optimalen Grad an Bereitschaft zur Vergebung ausgemacht: Kooperation immer mit Kooperation vergelten und bei einer von drei Defektionen ein Auge zudrücken und kooperativ bleiben. (Die Einzelheiten hängen vom Wert der eingesetzten Auszahlungen ab.) In diesem Spiel wäre es ein Fehler, wenn der Gegner genau absehen könnte, wann der andere auf eine Defektion freundlich reagieren wird. (John Maynard Smith’ Tit-for-two-Tat-Strategie konnte leicht dadurch ausgenutzt werden, dass zwischen Kooperation und Defektion abgewechselt wurde.) Deswegen fußte das Rezept für Vergebung auf dem Zufallsprinzip: Die Aussicht darauf, nach einer Defektion Vergebung zu erlangen, war Glückssache, keine Gewissheit.”[25]

Keine Strategie ist auf Dauer überlegen

Interessant an Nowaks Simulationen ist zwar, dass “Generous Tit for Tat” die “Tit for Tat-Strategie” schlägt und sich gegen Defektoren wehren kann, die Vormachtstellung hält aber nicht ewig. Nowak und Siegmund beobachteten, dass eine Population aus Generous-Tit-for-Tat-Spielern zu immer nachsichtigeren Strategien mutierte. Aber danach bekommen Defektoren dank der richtigen Mutation wieder eine Chance, sich aufzurichten. “Eine Population aus freundlichen Spielern, die immer kooperieren, wird zur leichten Beute für einen übrig gebliebenen oder neu entstandenen Defektor. Dann beginnt der Zyklus von vorn. … Die Zyklen werden insgesamt auf eine vorhersehbare Weise durchlaufen, bei der zunächst die reinen Defektoren, dann die Tit-for-Tat-, dann die Generous-Tit-for-Tat-Spieler und am Ende die reinen Kooperatoren die Oberhand gewinnen. Aber ganz am Ende bricht diese Gemeinschaft zusammen und gerät wieder unter die Vorherrschaft heimtückischer Defektoren.”[26]

Nowaks Fazit für die Gesellschaft

“Die gute Nachricht lautet: Eine ziemlich freundliche Strategie dominiert das Turnier. Wenn man ermittelt, wie oft die einzelnen Strategien im Durchschnitt über den gesamten Spielverlauf hinweg auftauchen, dann erweist sich die Generous-Tit-for-Tat-Strategie als die häufigste. Die schlechte Nachricht lautet: Diese Zyklen können sich in der realen Welt über Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinziehen. Viele Anhaltspunkte sprechen dafür, dass sie sich so auch in der Geschichte der Menschheit abspielen. Königreiche kommen und gehen. Imperien erleben einen Aufstieg und Niedergang und fallen in finstere Zeiten zurück. Konzerne erobern eine marktbeherrschende Stellung, geraten durch innovative Konkurrenten in Bedrängnis und werden zerschlagen.

So, wie aus diesen Turnieren nie nur eine Strategie als totale Siegerin hervorgeht, so wird wohl auch die menschliche Gesellschaft immer aus einer Mischung aus Kooperatoren (gesetzestreuen Bürgern) und Defektoren (Verbrechern) bestehen. Dasselbe gilt für Überzeugungen. Dass ein Glaube aufsteigt, während der andere einen Niedergang erlebt, inspirierte Augustinus von Hippo zu seinem Werk Vom Gottesstaat (De civitate Dei), nachdem im Jahr 410 die Westgoten Rom geplündert hatten. Augustinus wandte sich gegen Behauptungen, der Vormarsch des Christentums habe Rom geschwächt. Aber unser Computerturnier zeigte deutlich, dass Weltreiche eben zum Aufstieg und Fall bestimmt sind: Hier war es eher ein Fall von delapsus resurgam – «Wenn ich stürze, stehe ich wieder auf», und umgekehrt.

Wie schon in den letzten Jahrzehnten erkannt wurde und auch die jüngste weltweite Rezession im Zug der Bankenkrise lebhaft deutlich machte, vollzieht sich auch die Wirtschaft in Zyklen. Werden Regulierungen eingeführt, finden Marktteilnehmer raffinierte Wege, um sie im Verlauf der Jahre zu umgehen. Auf Zeiten harter Aufbauarbeit und Mühen folgen Perioden der Nachlässigkeit, in denen sich die Menschen zurücklehnen, sich Auszeiten gönnen und das System ausnutzen. Lieferten unsere Computersimulationen eine mathematische Erklärung für die Grundzyklen des Lebens, die sich endlos um Phasen von Kooperation und Defektion drehen?”[27]

Nowaks Empfehlungen

Nowak knüpft seine Erkenntnisse an konkrete Vorschläge. “[W]ir können darauf hinarbeiten, dass sich nach jedem Zusammenbruch die Kooperation rasch wiedereinstellt. Hierbei sollten wir mehr auf Bürger als auf Führungsfiguren setzen. Kooperation muss von unten kommen, sie kann nicht von oben verordnet werden. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Kooperation gedeihen kann, um ihre kreativen Leistungen in Anspruch nehmen zu können.” Weiter führt er aus:

“Aus meinen Analysen, die ich über die Jahre zu den Mechanismen der Kooperation durchführte, ging eine weitere Lehre hervor: Wir müssen lernen, ein Übermaß an Selbstbezogenheit, Kleinlichkeit und Konkurrenz zu überwinden. Wenn es um die Gesellschaft geht, müssen wir über die engen Grenzen hinausdenken, die uns die ausschließliche Sorge um Angehörige und Verwandte setzt. Die (richtig verstandene) Verwandtenselektion ist nur für einen kleinen Bestandteil der menschlichen Kooperation verantwortlich. Und Vetternwirtschaft ist kontraproduktiv, wenn es darum geht, Kooperation über Grenzen hinweg in größeren Bereichen der Gesellschaft zu kultivieren.

Wir müssen die engstirnige Vorstellung überwinden, dass Strafen und Drohungen Kooperation stärken können. Meiner Ansicht nach kann eine kreative Zusammenarbeit nur aus gegenseitiger Unterstützung erwachsen, die durch Teilhabe, Freundschaft und Belohnungen motiviert ist.”[28]

Weder Nowak noch Wilson oder andere Autoren, die die Evolutionstheorie als Basis menschlichen Verhalten verwenden, unterliegen übrigens der sozialromantischen Vorstellung, dass alle Menschen mit allen Menschen kooperieren. Wie mehrfach in dieser Reihe betont, entspricht das weder unserer Alltagserfahrung, noch ergibt sich das aus der Evolutionstheorie. Sie stellt ab auf die Kooperation innerhalb der jeweiligen sozialen Bezugsgruppen. Verschiedene Gruppen können sich aber durchaus bekämpfen. Es bleibt also bei der Ökonomie von Gut und Böse, um die es im nächsten Beitrag gehen wird.


[1] Vgl. grundlegend auch David Sloan Wilson, John Malcolm Gowdy, Barkley Rosser, Rethinking economics from an evolutionary perspective, in: Journal of Economic Behavior & Organization 90: June 2013 und David Sloan Wilson, John Malcolm Gowdy, Evolution as a general theoretical framework for economics and public policy, in: Journal of Economic Behavior & Organization 90: S3-S10 · June 2013 sowie das Sammelwerk David S. Wilson, Alan Kirman, Complexity and Evolution: Toward a New Synthesis for Economics, 2016.

[2] Die Biologische Psychologie wählt einen biologischen Zugang zum menschlichen Erleben und Verhalten, maßt sich aber keinen biologischen Determinismus an. Siehe diese Reihe Teil 10, Teil 11 und Teil 12. Vgl. außerdem Rainer Schandry, Biologische Psychologie, 4. überarbeitete Aufl. 2016, S. 21.

[3] Vgl. Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Übersichtsseite Abteilung Soziale Neurowissenschaft, abgerufen am 26.12.2016. Siehe dort auch weiterführende Literaturhinweise.

[4] Steven J. Bosworth, Tania Singer and Dennis J. Snower, Cooperation, Motivation and Social Balance, Working Paper Tilburg University v. 10.7.2015, S. 35.

[5] Steven J. Bosworth, Tania Singer and Dennis J. Snower, Cooperation, Motivation and Social Balance, Working Paper Tilburg University v. 10.7.2015, S. 1

[6] Steven J. Bosworth, Tania Singer and Dennis J. Snower, Cooperation, Motivation and Social Balance, Working Paper Tilburg University v. 10.7.2015, S. 1 f.

[7] Steven J. Bosworth, Tania Singer and Dennis J. Snower, Cooperation, Motivation and Social Balance, Working Paper Tilburg University v. 10.7.2015, S. 2.

[8] Steven J. Bosworth, Tania Singer and Dennis J. Snower, Cooperation, Motivation and Social Balance, Working Paper Tilburg University v. 10.7.2015, S. 1 f.

[9] Axel Lange, Darwins Erbe im Umbau – Die Säulen der Erweiterten Synthese in der Evolutionstheorie, Würzburg 2012, S. 76.

[10] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 4815 ff.

[11] Wer die Ergebnisse im Detail nachvollziehen will, muss sich die Mühe machen seine mit verschiedensten Ko-Autoren verfassten Fachaufsätze zu studieren. Im Anhang des Buches findet man dazu zu jedem Kapitel eine ausführliche Literaturliste.

[12] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 4872

[13] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 4885 ff.

[14] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 4954 ff.

[15] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 5021 ff.

[16] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 5036 ff.

[17] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 5063 ff.

[18] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 1729 ff.

[19] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 1729 ff.

[20] Stefan Klein, Der Sinn des Gebens: Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen, 2011, ohne Seitenangabe.

[21] Steven Pinker, Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit, 2011, Pos.14502.

[22] Christian Rieck, Gefangenen-Dilemma in Kürze, Professor Rieck´s Spieltheorie-Seite.

[23] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 795.

[24] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 805.

[25] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 805.

[26] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Pos. 802-833.

[27] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Pos. 802-833.

[28] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 5077 ff.

Previous post:

Next post: