Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie (15): Ökonomie von Gut und Böse

by Dirk Elsner on 26. Juni 2017

Die traditionellen ökonomischen Modelle stehen in der Kritik. Die NZZ schrieb jüngst. „Das Fundament der neoklassischen Theorie hat sich als morsch erwiesen.“ Weiter schreibt Daniel Hofmann[1] in der NZZ:

„Menschliches Verhalten ist reichhaltiger, als dies die rationalen Erwartungsmodelle voraussetzen, und die Rückkopplungseffekte vom Grossen auf die Entscheidungen der Einzelnen sind zu komplex, um sie im mechanischen Modell der Physik zu fassen. Folgt man Lo, können vielleicht Netzwerkmodelle der Biologie und der Neurologie bessere Ansätze liefern.“

Ich bin in dieser Reihe, mit der ich meiner ökonomischen Denke neu ausrichte, bereits mehrfach (z.B. hier und hier) auf die massive und fundierte Kritik traditioneller ökonomischer Modelle eingegangen. Eine neue Basis könnte die moderne Evolutionsbiologie im Zusammenspiel mit den Bio- und Neurowissenschaften bieten.

Die suchen und finden auch Erklärungen für gutes und aggressives Verhalten.

clip_image002

Nicht so aggressiv wie der Mensch: Löwe in Namibia

Bisher erschienen in dieser Reihe “Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie”

  1. Prolog
  2. Wilsons Buch “Die soziale Eroberung der Erde”
  3. Exkurs Evolutionsforschung
  4. Fehlinterpretation der Formel “Survival of the fittest”
  5. Gruppenselektion und Multilevel-Selektion
  6. Annäherung an die Multilevel-Selektion
  7. Multilevel-Selektion tiefer gebohrt
  8. Mensch und Multilevel-Selektion
  9. Wird sich Multilevel-Selektion gegen ökonomische Neoklassik etablieren?
  10. Grundlagen einer neurobiologischen Fundierung
  11. Neuronale Sprache und Hormone
  12. Das “Stammeshormon” Oxytocin und Bindung an Gruppen
  13. Emergenz und komplexe Systeme
  14. Kooperation schlägt Defektion, aber nicht immer

Gruppenselektion als Treiber der Evolution des Menschen

Die moderne Ökonomie geht von der Vorstellung aus, dass die Gesellschaft durch rationale Entscheidungen des Individuums zusammengehalten wird. Tomas Sedlacék fragt ob rationale Berechnung der Faktor ist, der dafür sorgt,

dass ein Mensch ein (gutes) Mitglied einer gegebenen Gesellschaft bleibt?”[2] Er stellt fest: “Die Gefühle, nicht die Rationalität, sind die Triebkraft hinter dem menschlichen Verhalten. Einfacher ausgedrückt: Die Rationalität allein reicht nicht aus, um den Menschen zum Handeln zu motivieren.”[3]

Im Kapitel 21 seines Buchs Die soziale Eroberung der Erde über die Evolution der Kultur fragt sich Wilson, was den Menschen (Homo sapiens) auf das heutige Niveau katapultierte. Dazu gehörte ein verbessertes Langzeitgedächtnis, insbesondere im Arbeitsgedächtnis, und damit die Fähigkeit, Szenarien zu entwerfen und in kurzen Zeiträumen Strategien zu planen. Die Frage, welche Triebkraft zur Schwelle der komplexen Kultur führte, beantwortet er wie folgt:

“Offensichtlich war es die Gruppenselektion. Eine Gruppe, deren Mitglieder Absichten verstehen und miteinander kooperieren konnten und außerdem in der Lage waren, die Handlungen der konkurrierenden Gruppen abzusehen, hätte einen außerordentlichen Vorsprung vor Gruppen gehabt, die darin weniger begabt waren. Zweifellos bestand Wettbewerb zwischen den Gruppenmitgliedern und führte zur natürlichen Selektion von Merkmalen, die einem Individuum einen Vorteil über ein anderes gab. Wichtiger für eine Art, die unter sich verändernden Umweltbedingungen mit mächtigen Rivalen konkurrierte, waren aber Zusammenhalt und Kooperation innerhalb der Gruppe. Moralität, Konformität, Religiosität und Kampffähigkeit in Kombination mit Vorstellungskraft und Gedächtnis kürten schließlich den Sieger.”[4]

Manche Weltbilder sehen den Menschen als vornehmlich „gut“, andere als vornehmlich „schlecht“ an. “Dabei wird in mehr oder minder allen Kulturen unter einem guten Menschen jemand verstanden, dessen Denken, Fühlen und Handeln nicht egoistisch und asozial, sondern sozial und altruistisch orientiert sind.”[5] Die Frage, ob denn der Mensch „an sich“ gut oder böse ist, kann so allerdings nicht beantwortet werden, denn der Mensch ist gut und böse. Wie sich Menschen entscheiden und verhalten ist dabei auch eine Frage der sozialen Evolution. Und die soziale Evolution wird mitbestimmt durch unsere biologischen Eigenschaften, die unsere sozialen Bindungssysteme beeinflussen.

Janusköpfigkeit des Menschen

Beschorner und Kolmar haben nach dem VW-Skandal im Herbst 2015 herausgearbeitet, dass so etwas existiert wie ein "moralischer Common Sense" bzw. eine "geltende Moral".[6] Allerdings wird, wie wir wissen, ständig dagegen verstoßen. Wilson erklärt die “Janusköpfigkeit des Menschen, das permanente Oszillieren zwischen Altruismus und Egoismus”[7] mit unserer Evolution:

“Die Evolution begünstigte … zum einen durchsetzungsstarke Egoisten, aber auch Gruppen von Individuen die zu persönlichem Verzicht für die Gemeinschaft fähig waren. Diese Zerrissenheit zwischen Selbstlosigkeit und Einzelkämpferdasein tobe in jedem Menschen und sei die Keimzelle von Kunst und Geisteswissenschaften. Ob die Leser diese Ansicht teilen oder verstehen werden, erscheint jedoch fragwürdig.”[8]

Natürlich provoziert Wilson damit heftige Widersprüche, denn er sagt im Prinzip nicht anderes als Mandville in seiner Bienenfabel[9] und Tomas Sedlacék in seiner “Ökonomie von Gut und Böse”: Die Menschen waren schon immer “gut” und “böse”, um dahin zu kommen, wo sie jetzt stehen. Wilson schreibt selbst[10]:

“Ist der Mensch von Natur aus gut, wird aber von der Macht des Bösen verdorben? Oder ist er vielmehr von Natur aus verschlagen und nur durch die Macht des Guten zu retten? Beides trifft zu. Und wenn wir nicht unsere Gene verändern, wird es auch immer dabei bleiben; denn das menschliche Dilemma wurde in unserer Evolution festgelegt und ist mithin ein unveränderlicher Teil der menschlichen Natur. Der Mensch und seine sozialen Ordnungen sind von Grund aus unvollkommen – zum Glück. In einer beständig im Wandel befindlichen Welt brauchen wir die Flexibilität, die nur aus der Unvollkommenheit erwachsen kann.

Das Dilemma zwischen Gut und Böse beruht auf der Multilevel-Selektion, bei der Individualselektion und Gruppenselektion gleichzeitig, aber großteils in entgegengesetzter Richtung auf das Individuum einwirken. Zur Individualselektion kommt es im Überlebens- und Fortpflanzungswettkampf zwischen den Mitgliedern derselben Gruppe. Sie formt bei jedem Mitglied Instinkte heraus, die gegenüber den anderen Mitgliedern grundlegend egoistisch sind. Die Gruppenselektion dagegen ergibt sich aus dem Wettkampf zwischen Gesellschaften, sowohl durch direkten Konflikt als auch durch verschieden hohe Kompetenz bei der Nutzung der Umwelt. Die Gruppenselektion formt Instinkte heraus, die Individuen tendenziell zu Altruisten machen (allerdings nicht gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen). Die Individualselektion verantwortet daher einen Großteil dessen, was wir als Sünde bezeichnen, die Gruppenselektion dagegen den größeren Teil der Tugend. Beide begründen den Konflikt zwischen den guten und bösen Anteilen unserer Natur.”

Der Risikoforscher Ortwin Renn sieht das in seinem Buch “Das Risikoparadox” ähnlich. Er schreibt:

“In jeder Gesellschaftsform und in jeder historischen Situation hat es diese Bandbreite an Charaktereigenschaften im Guten wie im Schlechten gegeben. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die heutige Generation moralisch schlechter einzustufen wäre als alle Generationen zuvor. Wie so oft ist auch dieses Merkmal in der Population mehr oder weniger normal verteilt. Es gibt Abweichler nach unten und nach oben. Mit einer solchen Bandbreite an Charaktereigenschaften werden wir heute und in Zukunft leben müssen.[11]

Gruppen gegen Gruppen

Der bekannte Hirnforscher David Eagleman schreibt, dass unser Gehirn andere Menschen und ein soziales Umfeld benötigt, um normal zu funktionieren.[12] Er schreibt:

“Bislang haben Neurologen das Gehirn nur für sich genommen untersucht, doch damit lassen sie außer Acht, dass ein großer Teil der Schaltkreise des Gehirns mit anderen Gehirnen zu tun hat. Wir sind zutiefst soziale Wesen. Unsere Gesellschaft besteht aus komplexen Interaktionen zwischen Familien, Freunden, Kollegen, Geschäftspartnern und so weiter. Überall um uns entstehen und zerbrechen Beziehungen, Familienbande, soziale Netzwerke und Bündnisse.

Dieser gesellschaftliche Kitt entsteht in speziellen Schaltkreisen des Gehirns: ausgedehnten Netzwerken, die andere Menschen beobachten, mit ihnen kommunizieren, ihre Schmerzen mitfühlen, ihre Absichten einschätzen und ihre Emotionen lesen. Unsere Sozialkompetenz ist tief in die Schaltkreise unseres Gehirns eingebettet, und mit diesen Schaltkreisen beschäftigt sich das junge Gebiet der sozialen Neurowissenschaften[13].”[14]

Wilson stellt auf Basis von Versuchen der Sozialpsychologie fest, dass sich Menschen in Gruppen aufteilen und dann zugunsten der eigenen andere Gruppen diskriminieren. Das gilt sogar dann, wenn die Gruppen willkürlich eingeteilt werden.[15]

Wilson sieht in der Durchsetzungskraft und Einheitlichkeit der Neigung, Gruppen zu bilden und die Mitglieder der eigenen Gruppe zu bevorzugen, alle Kennzeichen eines Instinkts. Es gebe eine Grundantrieb, eine Gruppenzugehörigkeit herauszubilden und daraus tiefe Befriedigung zu ziehen. Wir geraten “schneller in Wut, wenn klar ist, dass ein Fremdgruppenmitglied sich unfair verhält oder unverdient belohnt wird. Und sie reagieren feindselig, wenn eine Fremdgruppe auf das Revier oder die Ressourcen der Eigengruppe übergreift.“[16]

Die Neurobiologie kann heute zeigen, dass ein Aggressionstrieb, wie Sigmund Freud annahm, ein Mythos ist. Für einen durchschnittlich gesunden Menschen ist es nicht lohnend, grundlos Aggressionen auszusenden. Entsprechenden Systeme im Gehirn springen darauf nicht an. Was die Systeme anspringen lässt, ist, wenn wir es schaffen, Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen."[17]

Der Wunsch nach Anerkennung, nach den positiven Botenstoffen des Gehirns, sorgt nicht zwingend für gute zwischenmenschliche Beziehungen, sondern wird auch als Ursache von Gewalt angesehen. Bauer schreibt:

Soziale Anerkennung, Wertschätzung und Zugehörigkeit ist eine menschliche Grundmotivation allerersten Ranges. Soziale Ausgrenzung oder Isolation führt zu einer Inaktivierung des Motivationssystems und zu einem Absturz des subjektiven Befindens. Das Bedürfnis des Menschen nach sozialer Verbundenheit hat … die Wucht einer Suchtkrankheit, einer „Addiction Disorder“. Wenn sich keine zivilisierten Möglichkeiten bieten, diesen Wunsch zu erfüllen, dann sind Menschen bereit, für soziale Zugehörigkeit auch Böses oder Kriminelles zu tun. Dies ist der Grund, warum junge, sozial schlecht integrierte Männer dazu tendieren, sich kriminellen oder radikalen politischen oder religiösen Vereinigungen anzuschließen, die ihnen Zugehörigkeit, Wertschätzung, vielleicht sogar die Aussicht auf einen Heldenstatus versprechen. Hinzu kommt ein weiterer neurobiologischer Mechanismus: Soziale Ausgrenzung und Demütigung aktivieren die Schmerz-Netzwerke des Gehirns, zugefügter Schmerz wiederum ist ein überaus zuverlässiger Auslöser für Aggression (Bauer, 2011). Da soziale Ausgrenzung vom menschlichen Gehirn wie körperlicher Schmerz wahrgenommen wird, wird verständlich, warum nicht nur physischer Schmerz, sondern auch soziale Isolation Aggression begünstigt. Die suchtartige Abhängigkeit nach sozialer Anerkennung und die aus dem Schmerz der Ausgrenzung hervorgehende Aggressionsneigung sind es, die jeden Neurowissenschaftler der Behauptung widersprechen lassen würden, der Mensch sei moralisch „gut“.”[18]

Mir ist bewusst, dass Aggression und Gewalt eine weitaus differenzierte Betrachtung erfordern. Eigentlich wollte ich mich in dieser Reihe nicht mit außerökonomischen Fragestellungen befassen. Aber auf meiner Reise von der Evolutionsbiologie über die Neurowissenschaften zur Ökonomie stoße ich auf viele faszinierende Erkenntnisse, die auch helfen die Wirtschaftspraxis zu verstehen.

So liefern mir die Erkenntnisse auch eine Lösung des Muppet-Problems. In meiner Beitragsreihe “Ist Fairness nur für Muppets” habe ich in neun Beiträgen den “fairen” Umgang in der Wirtschaft analysiert. Ich hatte lange überlegt, wie ich diese Reihe zum Abschluss bringen kann mit Antworten, die mir die Ökonomie liefert. Ich konnte es nicht. Die ökonomischen Modelle liefern keine hinreichende Erklärungen für Ungerechtigkeit und Unfairness. Mit den neuen Erkenntnissen ist das nun möglich. Evolutionsbiologie und Neuowissenschaften liefern Antworten, die ökonomische Modelle nicht liefern können.


[1] Er macht das unter Bezug auf unter Bezug auf zwei gerade erst erschienene interessante Bücher von Ökonomen Die Bücher sind Richard Bookstaber: The End of Theory. Financial Crises, the Failure of Economics, and the Sweep of Human Interaction. Princeton University Press, Princeton 2017 und Andrew Lo: Adaptive Markets. Financial Evolution at the Speed of Thought. Princeton University Press, Princeton 2017. Ich habe die Bücher gerade erst entdeckt und noch nicht gelesen.

[2] Tomas Sedlacék “Ökonomie von Gut und Böse”, Pos. 4.165.

[3] Tomas Sedlacék “Ökonomie von Gut und Böse”, Pos. 4.275.

[4] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 3459.

[5] Vgl. Gerhard Schurz, Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie, 2011, Kindle-Edition, Pos. 4418.

[6] Thomas Beschorner u. Martin Kolmar, Schwierigkeiten mit der Moral: Ein Kommentar aus gegebenem Anlass, auf Ökonomenstimme am 2.10.15. Vgl. dazu außerdem Rainer Maurer, Der VW-Skandal, die Wirtschaftsethik und die Wissenschaft, Ökonomenstimme am 13.10.15.

[7] Martin Busch, Wilsons Manifest, Spektrum.de vom 2.7.2013

[8] Martin Busch, Wilsons Manifest, Spektrum.de vom 2.7.2013

[9] Dies Fabel gibt es in verschiedenen Versionen,hier die, Fassung die 1705 anonym als Flugblatt erschienen sein soll. Patrik Welter befasste sich damit in: Der SonntagsökonomGier ist gut – sonst müßt Ihr Eicheln essen, FAZ Online am 1.5.2005.

[10] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 3748 ff.

[11] Ortwin Renn, “Das Risikoparadox”, 2014, Pos. 6070.

[12] David Eagleman,The Brain: Die Geschichte von dir, Kindle Edition 2017, Pos. 1747

[13] Siehe dazu auch: Joachim Bauer, “Der Beitrag der „Sozialen Neurowissenschaften“ zum Verständnis der Psyche”, überarbeitetes Manuskript des an der Tagung des Science and Research Committee der European Association for Psychotherapy in Wien am 16. Februar 2016 gehaltenen Vortrags.

[14] David Eagleman,The Brain: Die Geschichte von dir, Kindle Edition 2017, Pos. 1753

[15] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 980. Siehe dort auch zu Beispielen.

[16] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 921 ff.

[17] Joachim Bauer, “Der Beitrag der „Sozialen Neurowissenschaften“ zum Verständnis der Psyche”, überarbeitetes Manuskript des an der Tagung des Science and Research Committee der European Association for Psychotherapy in Wien am 16. Februar 2016 gehaltenen Vortrags.

[18] Joachim Bauer, “Der Beitrag der „Sozialen Neurowissenschaften“ zum Verständnis der Psyche”, überarbeitetes Manuskript des an der Tagung des Science and Research Committee der European Association for Psychotherapy in Wien am 16. Februar 2016 gehaltenen Vortrags.

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: