Kommt die iBank und könnte Apple mit dem nächsten disruptiven Produkt das Banking neu definieren? (+ Nachtrag iWallet)

by Dirk Elsner on 27. März 2012

Nachtrag vom 27.3.: Apple hat iWallet zum Patent angemeldet

Eigentlich müsste ich den unten stehenden Artikel noch einmal komplett umschreiben, denn gerade erst habe ich im Blog Banking Innovation gelesen:

 „On March 6, 2012 Apple  was granted a new patent for a technology they are calling iWallet.“

Dieser Eintrag, der in speziellen Apple- bzw. Technikblog schon seit ein paar Tagen kursiert, hat mich richtig elektrisiert, denn das worüber ich in dem unten stehenden Beitrag nur spekuliere, ist möglicherweise gar nicht mehr so weit entfernt. Mit der iWallet (Details dazu unter 9to5mac und patentlyapple) würde Apple ja den ersten großen Schritt in Richtung Finanzdienstleistungen gehen. Hier handelt es sich allerdings „nur“ um eine Patentanmeldung.

Apple selbst hat bisher keine iWallet angekündigt und auch das neue iPhone 4 S verfügt nicht über die entsprechende NFC-Technologie. Aber solche Patente fördern die hier angestellten Spekulationen. Allerdings gab es bereits 2010 solche Spekulationen als Apple via. Stellenanzeige NFC-Spezialisten suchte. Dennoch, die Details, die Patently Apple nun aus den Patentdokumenten zitiert, sprechen eine klare Sprache:

„The document outlines “techniques for implementing and defining financial transaction rules for controlling a subsidiary financial account,” allowing parents to control spending of their children, for example. Financial transaction rules are also detailed that would allow for spending limits based upon different criteria, such as a particular time period or geographic region.“

Noch viel mehr Details mit entsprechenden Grafiken unter:

Patently Apple bezieht sich bei seinen Informationen auf die Behörde „U.S. Patent & Trademark Office„. Dort wurde ich selbst freilich nicht fündig. Allerdings sind die von der Fachwebseite vorgelegten Informationen so detailiert, dass kaum Zweifel an der Echtheit bestehen.

Die Domain www.iwallet.com hat sich bereits ein Unternehmen gesichert, das in die Fußzeile schreibt: „This domain may be for sale“

Und nun weiter mit dem eigentlichen Beitrag, der durch die oben stehende Ergänzung nichts eingebüßt hat, außer  dass die Entwicklung nun wahrscheinlicher werden könnte.

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Vergangene Woche stellte Ryan Kim auf dem Blog Gigaom die Frage, welche Industrie Apple als nächstes aufrollen kann und fragte sich, ob dies das Banking sein kann. Ein sehr interessante Frage, die mich in Bezug auf Apple ebenfalls vor einigen Wochen interessierte.

Ryan bezieht sich in seinem Beitrag auf eine Studie des Marktforschungsunternehmens KAE Toluna in London (Zusammenfassung der Studie hier). Nach dieser Studie können sich 10% der 5.000 repräsentativ ausgesuchten Befragten vorstellen, über Apple Bankdienstleistungen zu nutzen, wenn der Konzern diese anbieten würde. Diese Zahl klingt noch nicht spektakulär. Spannender wird es, wenn man die Kunden fragt, die bereits Apple-Produkte nutzen. Hier antworteten 43%, dass sie sich einen Wechsel vorstellen könnten. Die Gründe sind, dass sie dem Unternehmen vertrauen und erwarten, dass Apple Finanzdienstleistungen einfacher zugänglich macht und neue Arten von Serviceleistungen bieten könnte. Außerdem hoffen sie darauf, möglichst viel ihrer Finanzdienstleistungen per Smartphone abwickeln zu können.

Ich finde die Studie hoch interessant und frage mich, wer eigentlich der Auftraggeber dafür gewesen ist. Vielleicht sogar Apple selbst? Leider gibt weder das Papier noch der Blogeintrag darauf eine Antwort. Aber der Autor der Studie trifft mit seiner Aussage meine Position voll auf den Punkt:

“Angesicht der Kapital- und Liquiditätsausstattung hätte Apple keine Beschränkungen beim Aufbau entsprechender Konten- und Einlageangebote. Mit der Fähigkeit, vollkommen neue Märkte zu erschließen, könnte es Apple schnell gelingen, zu einer der profitabelsten Banken aufzusteigen.”

In der Zusammenfassung werden dann noch ein paar Argumente aufgezählt. warum Apple sich besonders gut eignen könnte für das Finanzgeschäft. Unter anderem könnte Apple das machen, was der Konzern jedes Mal macht, wenn er in einen neuen Sektor einsteigt: Er definiert die Spielregeln neu.

Ich möchte da laut rufen: “Ja Apple, mache es!” Die Spielregeln im Finanzsektor gehören schon lange neu definiert. Aber die einzigen, die das versuchen, sind Politiker und Bankenaufseher mit ausgesprochen zweifelhaften Ergebnissen. Die klassische Finanzbranche selbst ist mit voller Kraft bemüht, statt in neue kundenfreundliche Entwicklungen ihre Mittel lieber dafür einzusetzen, allzu strenge neue Spielregeln zu verhindern.

Aber die Spielregeln bleiben für den Finanzsektor ein wichtiges Stichwort. Denn die Einstiegshürden für neue Wettbewerber in den Finanzsektor sind hoch und nicht gerade trivial. Die gleichen Regeln, die Banken sicher machen sollen (und dies übrigens nicht geschafft haben) verhindern, dass neue Wettbewerber in großen Massen sich auf die Luxusrenten der Finanzbranche stürzen (siehe dazu “Wem die Regulierung im Finanzsektor wirklich nutzt”).

Vom Next Banking will die klassische Finanzbranche (noch?) nicht viel wissen. Banking 2.0 taugt offenbar nicht als Philosophie für die Mehrheit der Banken und ihrer Kunden. Man positioniert sich als traditionelle Bank nach außen lieber geheimnisvoll, verschwiegen, intransparent und allmächtig. Ein eigentlich sehr simples Geschäftsmodell wird hinter einem Wald komplizierter Begriffe, Verträge und Vorschriften versteckt. Man muss dazu bedenken, dass die Institute ihr Geld derzeit nicht mit den Digital Natives verdienen, sondern mit einer älteren aber vermögende Kundengruppe, die ebenfalls mit der 2.0-Welt fremdelt.

Aber genau an dieser Stelle liegt der Denkfehler. Zunehmend drängt die Generation 2.0 in die Wirtschaftspraxis und besetzt immer mehr Entscheidungspositionen. Sie sind mit dem Web aufgewachsen und nutzen die Instrumente, wie man früher Taschenrechner und Filofax (dies ist quasi doodle auf Papier) genutzt hat. Sie definieren die informationelle Selbstbestimmung neu und haben nicht die Berührungsängste vor Datenschutz und Transparenz. Der schnelle Informationszugriff, die jederzeitige Erreichbarkeit und die authentische Reaktion sind wichtiger als der Schutz der Persönlichkeitsrechte und Datensicherheit.

Die meisten Institute tun sich unterdessen sehr schwer mit dem Paradigmenwechsel und neuen Formen der Kommunikation. Thomas Bahlinger, Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Nürnberg, hat bereits Anfang 2008 in einem Beitrag für die Bank eine Erklärung gesucht:

“Der derzeitige Hype um Web 2.0 verstellt den Blick auf den eigentlichen Kern, der darin steckt. Dieser Kern ist weniger technologischer, sondern vielmehr kultureller Natur. Die neuen Technologien können die Beziehungen zwischen Anbietern und Abnehmern, Banken und Kunden dauerhaft verändern. Aber Web 2.0 als “Architektur der Mitwirkung aller” ist diametral zum heutigen Ansatz von Banken-Websites.

Ein demokratisch geprägter Wissensaustausch gerät schnell in einen Konflikt mit hierarchischen Unternehmenskulturen. Daher ist Web 2.0 bei Banken derzeit so selten zu finden. Will die Bank das ändern, muss sie zunächst prüfen, welche Teile der “Architektur” zum eigenen Hause passen – die eigentliche Umsetzung von Web 2.0-Technik kommt dabei zuletzt. Vorher muss die Bank eine Benutzerbeteiligung wirklich wollen. Dies ist eine Kulturfrage, mindestens aber eine Strategiefrage und hat mit Software-Programmierung wenig bis nichts zu tun.”

Und während die klassischen Banken darüber nachdenken, wie sie ihre Bastionen verteidigen können, formieren sich unglaublich viele kreative Unternehmen (siehe dazu Mindmap “Next Banking und Finance”) und suchen die Disruption für den Finanzsektors. Ob es einem oder mehreren Unternehmen davon gelingt, ist derzeit offen.

Ich hatte in den letzten Jahren das große Vergnügen über diesen Blog und einige Veranstaltungen zahlreiche dieser ausgesprochen ambitionierten Gründer (einige davon übrigens aus dem klassischen Finanzsektor) kennenlernen zu dürfen. Sie alle teilen die Vision von einem neuen Banking und suchen mit großem persönlichen Engagement und hohem finanziellen Risiken nach Wegen, dies zu erreichen. Das sind übrigens auch Visionen, die sich immer mehr Mitarbeiter in den Banken selbst wünschen. Sie sind das Bashing leid, haben aber auch die Nase voll von den Bremsklötzen in den eigenen Reihen.

Jetzt bin ich in dem Beitrag etwas von der Eingangsfrage abgekommen. Könnte Apple mit dem nächsten disruptiven Produkt das Banking 1.0 durcheinander bringen? Die Antwort hier lautet eindeutig: JA.

Ob Apple hier aber etwas unternimmt, ist offen. Andere große Unternehmen sind da bereits weiter. Ich denke hier vor allem an das Mobile Payment. Die Telkos oder Unternehmen wie Google oder Amazon stehen hier möglicherweise kurz vor dem Durchbruch (dazu mehr in einer Beitragsreihe aber nächster Woche). Während klassische Banken die änderbare PIN, das Abfotografieren von Überweisungen per Smartphone App als Innovation feiern und die EU glaubt, mit SEPA die Revolution im europäischen Zahlungsverkehr ausgerufen zu haben, preschen die Big Boys der IT und Telekommunikation mit großen Schritten in eines der Kernfelder der Finanzbranche: Zahlungsverkehr. Und das wäre ein Feld, in dem auch Apple punkten könnte, zumal der Konzern wesentliche Elemente der Prozesskette bereits beherrscht und mit iTunes bzw. dem Appstore bereits einen Teil der Infrastruktur stehen hat.

Schauen wir mal, was sich so tut in den nächsten Monaten. Schon vor zwei Jahren fragte ich mich, “Wie Facebook mit Banking 2.0 die Finanzbranche aufmischen könnte”. Das Social Network hat das Potenzial bisher noch nicht gehoben. Die iBank dagegen, die gibt es bereits. Siehe unter http://www.ibank.com Sie sitzt ebenfalls in Kalifornien: Noch ist sie aber 344 Meilen weit weg vom Hauptquartier von Apple.

Wer sonst wissen will, was sich im Next Banking so tut, dem empfehle ich immer mal wieder einen Blick auf die Sonderseite “Next Banking und Social Media” im Blick Log. Dort finden sie auch den Beitrag aus dem Bank Blog: Was Banken von Apple lernen können

PS

André M. Bajorat hat auf seinem Blog übrigens gestern eine Umfrage zur iBank gestartet.

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