Notpaket übersieht Krebsgeschwür der Finanzmarktkrise

by Dirk Elsner on 19. September 2008

Fast selbstzufrieden scheinen die Köche des Notplans auf einem Foto im Wall Street Journal in die Kamera zu blicken. Heute werden sie von den Finanzakteuren beklatscht und, sofern die „Hausse nach dem Beinaheuntergang der kapitalistischen Welt“ hält, werden am Abend mit Champagner anstoßen.

Dabei werden bisher die Ursachen der Finanzkrise vollkommen verdreht. Ich möchte an dieser Stelle zuerst auf den Beitrag „Lügengeschichten“ von Hans Ruedi Ramsauer im Blog zeitenwende.ch hinweisen, der mir einen Teil der Kritik abnimmt. Vollkommen absurd wird es, wenn Finanzterroristen verantwortlich sein sollen.

Wenn jetzt nicht die richtige Diagnose für die Geschehnisse dieser Woche erfolgt, dann brauchen wir nicht lange warten, bis der Krebs wieder zu wuchern beginnt. Die jetzt diskutierte Therapie wird mit Sicherheit nicht ausreichen. Zum Abschluss meiner Finanzmarktkrisenwoche daher noch einmal die Diagnose aus meiner Sicht: 

1. Versagen der Regulierung

Die Eigenkapitalvorschriften Basel II tragen eine erhebliche Mitschuld an dem Dilemma. Diese Vorschriften haben erst dazu geführt, den Markt für Credit Default Swaps (CDS) so stark zu machen und Kreditrisiken verstärkt auf unregulierte Nichtbanken auszulagern. Mit dieser Form der Absicherung hat die Sorgfalt der Banken bei der Kreditvergabe nachgelassen.

Die Summe der Regulierungen hat außerdem zu einer Komplexität in der Bankensteuerung und einem Kostenapparat geführt, der kaum noch beherschbar erscheint. Die Ertragsspanne pro Geschäft muss deutlich höher liegen als noch vor 10 Jahren, um die mit den Regulierungsvorschriften verbundenen Kosten abzudecken. Da die Regulierung auch zu einer Fragmentierung von Entscheidungen in Front-, Middle- und Backoffice sowie zentraler Risikosteuerung zwingt, sind Verantwortliche für “schlechte Geschäfte” kaum noch auszumachen.

Die Behörden weltweit werden über die aufsichtsrechtliche Einbeziehung aller Institutionen nachdenken müssen, die in welcher Form auch immer die Geldströme ab einer bestimmten Höhe beeinflussen können. Dazu gehören Hedgefonds, Ratinggesellschaften, Privat Equity-Firmen sowie alle Formen von Zweckgesellschaften, die dazu dienen, Risiken in einen nichtregulierten Sektor zu schleusen.

2. Überzogene Renditevorstellungen

Eigenkapitalrenditen über 15%, die häufig für Finanzinstitute als “normal” angesehen werden, sind bei dem gegenwärtigen Kosten nur unter Inkaufnahme hoher Risiken möglich.

Ich denke dennoch. die Banker dienen uns bei der Kritik an den überzogenen Renditevorstellungen nur als Projektion, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Wir wollen doch auch für unsere Geldanlagen eine möglichst hohe Verzinsung bei angemessenem Risiko. In unseren Jobs wollen wir ein möglichst hohes Gehalt. Und Vorschriften, die uns gängeln, mögen wir ebenfalls nicht. Fluchen wir nicht auch, wenn Banken aufgrund mangelnder Bonität dem eigenen Unternehmen keinen Kredit geben? Freuen wir uns nicht, wenn ein Finanzinvestor sich an einem riskanten Unternehmen beteiligt, damit es neue innovative Produkte entwickeln kann?

3. Falsche Anreizsysteme

Aktuell weisen die Anreizsysteme für Entscheidungsträger in Unternehmen häufig eine hohe Asymmetrie zwischen Gut- und Schlechtleistungen auf. Im Klartext bedeutet dies. Durch erfolgsabhängige Boni können die Entscheidungsträger im Erfolgsfall vergleichsweise hohe Zahlungen erwarten. Umgekehrt wird bei Misserfolgen kein Malus berechnet. Es fällt lediglich der Bonus weg, im schlimmsten Fall der Arbeitsplatz. Das Risiko, “nur den Arbeitsplatz zu verlieren” gehen Manager aber offenbar “gern” ein, wenn der Erwartungswert für die jährlichen Bonuszahlungen so hoch ist, dass damit eine beschäftigungslose Zeit im Misserfolgsfall bequem überbrückt werden kann.

Allein die Streichung von Abfindungen reicht höchstens aus, die öffentliche Empörung zu bekämpfen aber nicht die Ursachen.

4. Verhinderung der Blasenbildung

Ein Problem nicht nur der Finanzmärkte sondern auch der Immobilien- und vieler anderer Märkte ist die Gefahr, die durch Bildung spekulativer Blasen entsteht. Wir haben in den letzten 400 Jahren, beginnend mit der Tulpenkrise von 1637 viele dieser Blasen beobachtet. Spekulationsblasen sind Preisentwicklungen, die sich, wie auch immer das gemessen wird, von der realen Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt haben.

Allein der pauschale Verweis Gier, wie er gern in Foren gebracht wird, greift zu kurz. Aus der Verteufelung der Gier allein können keine nützlichen Maßnahmen entwickelt. Gier und seine abgeschwächten Formen wie Egoismus, Eigennutz und Eigeninteresse scheinen tief in unserer Kultur verwurzelt zu sein. Die Kritik an der Gier ist nur etwas für die moralische Empörung sogenannter „Gutmenschen„.

Es kommt eher darauf, an Mechanismen zu entwickeln, um Vermögensblasen rechtzeitig zu erkennen, um der Gefahr des Deleveraging vorzubeugen. Ein Vorreiter für entsprechende Ideen ist mit Robert J. Shiller ein anerkannter Finanzexperte, der seine zunächst akademischen Vorschläge mit seinem eigenen Unternehmen in der Praxis umsetzt. Shiller hat den Case-Shiller Home Price Index entwickelt, der die spekulative Blase an den Immoblienmärkten in den USA erst transparent und messbar gemacht hat.

5. Anheizen des Feuers durch die Medien

Die Medien haben in dieser Woche zum Teil zusätzlich das Feuer angeheizt. Viele Gerüchte über angeblich in Schieflagen befindliche Institute wurden kommentarlos transportiert und beschleunigten den Abwärtstrend der Aktien und die Explosion der Credit Spreads. Als vor zwei Wochen die Commerzbank die Dresdner Bank übernahm, hat niemand ernsthaft behauptet, die Dresdner Bank stehe kurz vor der Insolvenz. Wäre die Nachricht in dieser Woche gekommen, dann hätte es wohl eine andere Interpretation geben (siehe Beispiel HBOS).

Ich will damit nicht falsch verstanden werden. Die Medien sind nicht schuld an der Eskalation auf den Finanzmärkten. Aber wie die Ermittlungen des New Yorker Generalstaatsanwalts, Andrew Cuomo, zeigen, besteht offenbar ein Verdacht auf Kursmanipulation durch gezielte Leerverkäufe und der Streuung von Gerüchten.

Vorläufiges Fazit

In den Veröffentlichungen dieser Woche war wenig oder gar nichts über die oben genannten Kritikpunkte zu lesen. Ich bleibe aber dabei, dass ohne Therapie an diesen Geschwüren der Krebs wieder ausbrechen wird. Banker und andere Finanzmarktakteure werden es allerdings begrüßen, wenn insbesondere die Punkte 1. – 3. nicht auf die Tagesordnung kommen und sie allein mit der neuen Portion Epo wieder den nächsten Gipfel erklimmen können.

Und wenn man sieht, dass der aktuelle DAX um 15.20 nur etwa 35 Punkte unter seinem außerbörslichen Schlussstand der letzten Woche liegt, könnte man fast denken, in dieser Woche sei nichts gewesen. Man kann sich also wieder hinlegen. Persönlich freue ich mich natürlich auch über die Kurserholung und hoffe, dass meine Tankkarte wieder akzeptiert wird.

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