Die katastrophale Krisenkommunikation der Kreditwirtschaft

by Dirk Elsner on 18. Oktober 2011

Das Image der Finanzbranche liegt wieder einmal am Boden. Dass festzustellen, ist in dieser Zeit nicht besonders originell. Zwei Beispiele für Schlagzeilen mögen dafür genügen:

Solche und hunderte ähnlicher Meldungen tun nicht nur mir weh, der einmal mit viel Überzeugung seine berufliche Laufbahn in der Kreditwirtschaft begonnen hat, sondern auch vielen der zig tausend Mitarbeitern der Branche leiden darunter. Ich höre immer häufiger von ehemaligen Kollegen, dass sie sich kaum noch zu ihrem Arbeitgeber bekennen mögen, wenn es um den Beruf geht.

Allein die Entwicklung der letzten Monate könnten angesichts der Marktwerte als GAU angesehen werden. Die Art, wie hier (nicht) kommuniziert wird, hat dabei sicher den Abstieg der Häuser beschleunigt. Dass es mit dem Image ausgesprochen schlecht steht, zeigt auch das mangelnde Vertrauen der Kapitalmärkte in die Werte der Branche, wie sie die etwa die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in dieser Grafik dokumentiert hat:

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Es fällt einmal mehr auf, wie schwer sich Unternehmen in der öffentlichen Präsentation tun, wenn es darum geht schwierige Situation zu meistern. Handfeste Informationen sind Fehlanzeige und Kunden, Geldgeber, Eigentümer und Steuerzahler werden lieber im Unklaren über tatsächliche Zustände und Risiken gelassen. Lieber wird über Zusammenhänge geschwiegen oder sie werden verschleiert, als offen eigene Unzulänglichkeiten einzuräumen. Ursachen für die Missstände werden stets woanders, nur nicht in der eigenen Branche gesucht.

Dass ausgerechnet Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis gerade im Deutschlandfunk sagt, “Wir haben keine Bankenkrise” hat mich schon überrascht. Ich hätte ja verstanden, wenn er gesagt hätte, es gäbe keine Krise der Sparkassen. Aber die Krise wird negiert. Und das mit Argumenten, die absurd sind: “Wenn die Staaten ihre Schulden bezahlen, dann passiert überhaupt nichts”, ist Haasis weiter zu hören. Irgendwie hat man den Eindruck, der angesehene Manager hat die laufende Entwicklung verschlafen.

Aber Haasis ist ja nicht einmal ein besondere Extremfall. In einem Brandbrief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), so das Handelsblatt, hat die deutsche Kreditwirtschaft ihrem Unmut über mangelnde politische Unterstützung Luft gemacht. In einer kaum mehr nachvollziehbaren Argumentationskette, die zwar juristisch richtig, jedoch ökonomisch Unsinn ist, beklagen sich die Institute über die Behandlung durch die Politik.

In einem weiteren Beitrag der Printausgabe des Handelsblatts beklagt sich ein Banker „Unsere Ratschläge zur Lösung der Finanzmarktkrise sind im Bundesfinanzministerium nicht gefragt. Die Haltung der Bundesregierung gegenüber den Banken ist nicht unbedingt feindselig, aber von großer Skepsis geprägt.“ Da will natürlich niemand im Finanzsektor verstehen, dass die eigenen Vorschläge der Branche aus dem Juli nicht als Entgegenkommen verstanden werden (siehe dazu Komplexer Gipfel-Beschluss: ”Schuldenschnitt” Griechenlands lässt private Gläubiger weiter im Windschatten der Steuerzahler fahren).

Aber im Gegenteil, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken, Andreas Schmitz, legt noch einmal richtig nach:

“Die deutschen Privatbanken wollen Griechenland nicht mehr als die bisher vereinbarten 21 Prozent seiner Schulden erlassen. „Das von den europäischen Regierungschefs verabschiedete Paket sieht eine substanzielle Beteiligung privater Gläubiger vor, die nicht leicht zu schultern ist“, sagte Bankenpräsident Andreas Schmitz der „Rheinischen Post“. Nun „sollte nicht an neuen Stellschrauben gedreht werden“.

Der Finanzminister habe sich abgeschottet, klagt lt. Handelsblatt ein Bankmanager. Die Banker rechtfertigen sich etwa damit, dass sie auf Details oder Vorschläge aus der Politik warten. Sie übersehen dabei, dass sie eigentlich diejenigen sind, die Vorschläge machen müssen. Sie sind die Gläubiger der Schuldenstaaten und stehen mit den Schuldnern in der Verantwortung, eine Lösung zu finden (siehe auch “Wenn Du ein Gläubiger bist, dann bist Du ein Gläubiger. Ausnahme, Du bist eine Bank”).

Aber substantielle Vorschläge der Finanzbranche sind weit und breit nicht zu sehen. Statt dessen  wird die Verantwortung in grotesker Weise auf den Staat geschoben. Kürzlich etwa sagte ebenfalls Andreas Schmitz in einem Interview mit der ZEIT:

“Ich bin zutiefst Anhänger eines jahrhundertealten Prinzips: Wenn jemand eine Anlage tätigt, dann hat er selbst für die Risiken einzutreten und nicht die Gemeinschaft – also der Steuerzahler. Aber in der Staatsschuldenkrise sind Investoren betroffen, die mit der Aussage geködert wurden, dass es sich um absolut sichere Anlagen handle. Die Banken und noch weitaus stärker die Pensionskassen und Versicherungen wurden gedrängt, in Staatsanleihen zu investieren. Ohne diese Investoren, die nach besonders sicheren Anlagen suchen, wäre die Finanzierung der Staatsschulden schon längst am Ende. Wenn wir dieses Vertrauen jetzt enttäuschen, laufen wir möglicherweise in die Finanzmarktkrise 2.0 hinein.”

Mein Kommentar zu dieser Äußerung in dem Beitrag: “What a Logik: Weil europäische Staatsanleihen per Gesetz sicher sind, müssen sie garantiert werden

Das Verrückte an der Debatte um die durch die Schuldenkrise beschleunigte neue Bankenkrise ist, dass die Häuser sich selbst in eine Doppelklemme manövriert haben. Als vor 18 Monaten die europäische Schuldenkrise die ersten Alarmsignale setze, wurden die Banken bekniet, Griechenland weiter Geld zur Verfügung zu stellen. Es setzte nämlich das ein, was in einer Marktwirtschaft üblich ist, wenn Kapitalgeber zu hohe Risiken sehen: Sie ziehen ihr Geld ab. Damals hieß es in den Vorwürfen risikofreudige Investoren hätten die griechische Schuldenkrise eskalieren lassen. Unter öffentlichen Druck ließen sich die Institute damals dazu hinreißen, Athen mit „beträchtlichen Summen“ zu helfen (siehe dazu aber “Die Bankensichselbsthilfe für Griechenland = Finanzmarktstabilisierungsgesetz 2.0”). Und heute wird ihnen genau das vorgeworfen, nämlich, dass sie zu viele riskante Kredite vergeben haben, für die nun das Eigenkapital nicht ausreicht.

Der eigentliche Problemkern der Euro-Schuldenkrise kam bisher öffentlich nicht auf den Tisch, nämlich dass

  1. Schulden der Eurostaaten per gesetzlicher Definition als risikolos gelten (Verantwortung der Politik und der Regulierer) und
  2. Banken dies geglaubt haben und im Vergleich zu persönlich haftenden Unternehmen viel zu hohe Risikopositionen gegenüber den Staaten (war aber in deren Interesse) aufgebaut hatten, weil diese mehr Zinsen zahlten als etwa Deutschland (Verantwortung der Banken)

Aber es soll hier nicht um den Kern der aktuellen Krise, sondern um die öffentliche Darstellung gehen. Die deutschen Institute schlagen sich noch vergleichsweise wacker, wie ich finde. Einen Vogel schoss Baudoin Prot, Chef der größten französischen Bank BNP Paribas, ab. Er gab Robert Landgraf und Nicole Bastian vom Handelsblatt ein “legendäres” Interview, anschließend wurden die Antworten von Prot mehrfach überarbeitet und schließlich zurückgezogen. Das Handelsblatt reagierte echt stark und veröffentlichte nur die Fragen. Besser kann man gedruckte Sprachlosigkeit nicht ausdrücken. Einen Tag später lieferte BNP Paribas die Antworten in bestem PR-Sprech nach: „Es gibt keine Panik, nur strukturelle Änderungen“ (kompletten Antworten von Baudouin Prot in englischer Sprache kann man hier nachlesen).

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Vollkommen entkernt von jedem Realitätsbezug auch in seinem eigenen Haus muss der Ex-Chef der UBS, Oswald Grübel gewesen sein, als er zu dem Händlerskandal in seinem Haus sagte: “Wenn jemand mit krimineller Energie vorgeht, können Sie nichts machen. Das wird es in unserem Job immer geben.” Selbst jeder angelernte Bankangestellte weiß, dass selbst mit hoher krimineller Energie so etwas nicht zu machen ist (siehe dazu diese Blick Log Shortcuts). Eine öffentliche Aufarbeitung, die anderen Instituten hilft, ähnliche Schäden zu vermeiden, fehlt übrigens immer noch.

Gerüchte sollen Schuld gewesen sein, dass die Société-Générale-Aktie um 20% an einem Tag abstürzte. Das Haus empörte sich darüber. Später stellte sich heraus, dass die Gerüchte wohl doch nicht so verkehrt waren und die Soc Gen erheblichen Kapitalbedarf hatte.

Empörung gab es ebenfalls gegen die Veröffentlichung von Stresstestergebnissen. Dadurch könnten nämlich Risiken deutlich werden, denen man den eigenen Kapitalgebern gern vorenthalten wollte. Aber Vertrauen kann man nicht dadurch aufbauen, indem man unglaubwürdige Fakten verbreitet werden und man hofft, die Wahrheit werde schon nicht ans Licht kommen. Mittlerweile hat sich zum zweiten Mal gezeigt, dass diese Stresstests keinen Cent gelohnt haben und als eine der teuersten und am meisten gefloppten PR-Maßnahme in die Finanzgeschichte eingehen dürften.

In solchen Situationen pflegen Banker aber auch viele im 20. Jahrhundert stehen gebliebene Manager anderer Unternehmen die Schuld für eine Vertrauenskrise gerade darin zu suchen, dass zu viele Informationen im Umlauf sind und die Abgrenzung zwischen Informationen und Gerüchten den Märkten nicht möglich ist. Probleme möchte man im klassischer Duktus lieber diskret hinter verschlossenen Türen bereinigen. Hier hat man freilich nicht begriffen, dass das 21. Jahrhundert mit seinen transparenten Marktinformationen anders tickt als in Zeiten der Rothschilds und Rockefellers.

Klar ist, dass Unternehmen und Staaten, übrigens genau so ungern, wie wir Menschen, über unangenehme uns selbst betreffende Dinge reden. Insbesondere fällt es unglaublich schwer, eigene Fehleinschätzungen der Lage einzuräumen. Unternehmen und insbesondere ihre Manager lassen sich dagegen gern öffentlich feiern, wenn die Geschäfte gut laufen und es Erfolge zu vermelden gibt. Ausgesprochen schmallippig wird man, wenn die Fehleinschätzungen in der Geschäftspolitik zu massiven Wirkungen auf Kunden und Dritte führt.

Es ließen sich jetzt noch viele weitere “Pannen” in der öffentlichen Darstellung anführen. Legendär ist der Anspruch von Goldman Sachs das Finanzgewerbe würde nur „Gottes Werk“ verrichten. Nicht ganz in diese Kategorie passt der Ausbruch von JP Morgan CEO Jamie Dimon, der die Basel III antiamerikanisch nannte. Beliebt in der öffentlichen Hassdebatte sind natürlich die Diskussionen über traumhafte Boni und Gehälter, die 99% der Banker nur aus der Zeitung kennen.

Die katastrophale Krisenkommunikation hat mittlerweile epische Ausmaße erreicht und darf auf keinen Fall allein auf eine Schwäche der PR-Verantwortlichen geschoben werden. Heute fallen gegenüber dieser Berufsgruppe alle Hemmungen, schrieb die Süddeutsche am Wochenende, und das Blatt sieht darin vorwiegend die Banker selbst dran Schuld, denn selten habe sich ein Wirtschaftszweig so borniert gezeigt.

Hinter der Kommunikation steckt ja eine bestimmte Philosophie im Umgang mit Geld, dem Staat und den Kunden. Viele Bankmanager haben bisher nicht verstanden, dass wir uns in einem Paradigmenwechsel befinden, der den Abschied der Finanzmärkte vom Habitus der schweigenden Priesterkaste erfordert, wenn man wettbewerbsfähig überleben will.

Das Fatale an der derzeit erzeugten Stimmungslage ist, dass es kaum gelingen wird sachgerechte Vorschläge zu entwickeln. Die regierenden Politiker und staatliche Institutionen haben bekanntlich ebenfalls einen nicht unerheblichen Anteil an der gegenwärtigen Krise. So manch ein Politiker könnte jetzt jetzt sogar den Verlockungen erliegen, den (noch?) sehr oberflächlichen Forderungen der Occupy-Bewegung nachzugeben. Jedenfalls hat bereits wieder ein neues Vorschlagswettrennen begonnen.

Die Süddeutsche findet die Anbiederung der Politik an die Occupy-Bewegung übrigens übertrieben, Spiegel Online nennt das den „Aufstand der Scheinheiligen„. Das sehe ich ähnlich, zumal nicht klar ist, mit welchen ernsthaften inhaltlichen Forderungen man sich hier nun auseinandersetzen soll. Aber da die Finanzwelt selbst entweder mit dem üblichen Schweigen, mit Unverständnis oder mit Schuldzuweisungen reagiert, darf sie sich nicht wundern, wenn nicht nur ihr öffentliche Bild immer weiter beschädigt wird, sondern möglicherweise auch aus falschen Populismus neue unsinnige Maßnahmen vorgeschlagen werden.

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