Ist Fairness nur für Muppets (Teil 9): Wir sind anders als wir denken

by Dirk Elsner on 3. Februar 2014

Vor fast einem Jahr habe ich diese Reihe gestartet, in der ich Gedanken zum fairen Umgang in Wirtschaft und Gesellschaft sortiere. Der Grundtenor dieser Reihe mag vielen Lesern pessimistisch vorgekommen sein. Einige mögen sich in gängigen Vorurteilen bestätigt, andere sich gerade durch den letzten Teil provoziert fühlen.

Ich habe lange überlegt, wie ich diese Reihe zum Ende bringen kann. Nach der Lektüre eines für mich sehr erkenntnisreichen Buches, das nichts mit Wirtschaft, dafür viel mit Biologie zu tun hat, habe ich mittlerweile eine Idee bekommen. Ich werde dazu im nächsten Teil Frühjahr eine eigene Reihe starten.

Bisher erschienen

Obwohl uns die Nachrichten nahezu täglich neue Geschichten zum Muppet-Thema präsentieren, glaube ich, so düster sollten wir die Lage nicht sehen. Trotz aller vorhandenen und manchmal künstlich aufgebauten Missstände macht unsere Gesellschaft Fortschritte.

Turning Away (Foto: flickr/Truthout.org, Lizenz)

Einfach normale gesellschaftliche Teilung …

Kerstin Bund, Stephan Lebert und Martin Kotynek fragten im letzten Jahr auf ZEIT Online zum Thema Reichtum und Anstand: “Macht Geld unmoralisch?[1]. Die Autoren ziehen da exemplarisch an einer Reihe von Skandalen zu Steuerhinterziehungen, Anlagebetrug, Untreue der letzten Jahre eine “Bilanz des Werteverlusts”. Gleich zu Beginn zitieren sie einen Ungenannten, den sie als ehemaligen Spitzenmanager einer bekannten deutschen Bank vorstellen. “Er spricht von schwierigen Geschäftspartnern, von der noch schwierigeren Finanzkrise. Und dann, irgendwann, sagt er diesen Satz: „Wenn man als Banker nur die normalen, üblichen Bankgeschäfte macht, ist das zwar gut für den Kunden, aber als Bank gehst du pleite. Du verdienst zu wenig.“

Damit, so die Autoren, “ist ein Verdacht ausgesprochen: Manager, die erfolgreich sein wollen, müssen die Grenzen des gewohnten Geschäftes überschreiten.” Im Sinne der in dieser Reihe verwendeten Begriffe könnten das sogar bedeuten: Wer erfolgreich sein will, der muss unfaire Mittel anwenden und seine Konkurrenten, Kunden und Mitarbeiter zu Muppets machen.

Andererseits zeigen aber gerade viele Offenlegungen der letzten Jahre, dass das Risiko für die Puppenspieler zugenommen hat. In einer immer transparenter werdenden Gesellschaft, in der zudem kaum jemand mehr genau weiß, was mit seinen elektronisch verarbeiteten Daten passiert, ist das Risiko der Aufdeckung gestiegen. Das wohl spektakulärste Beispiel der jüngsten Geschichte dazu liefert bekanntlich Edward Snowden, jener Techniker der US-amerikanischen Geheimdienste CIA und NSA, der die Überwachungsmethoden der US-Dienste transparent machte[2]. Informationen gehören auch im Zeitalter des Internets weiterhin zu den zentralen Machtinstrumenten.

… oder unterschiedliche Motivation?

Was wir in unser Kritik gern übersehen ist, dass wir Menschen unterschiedlich motiviert sind und darin eine Ursache für Verhaltensungleichheiten liegt, die nicht mit Unfairness zu tun hat. Hajo Schumacher sah z.B. auf Welt Online im hochgejazzten Finale der Champions League zwischen Dortmund und Bayern Parallelen zu gesellschaftlichen Entwicklung, die zu dieser Reihe passen[3].

Borussia Dortmund und der FC Bayern – diese Teams repräsentieren nicht nur Fußball, sondern auch die immensen kulturellen Unterschiede dieses Landes: etablierter und frisch erarbeiteter Wohlstand, Plan und Zufall, nervende Show-Demut und noch nervenderer Hochmut. Hier Siedlung, dort Seegrundstück; der eine verschweigt Schweizer Geld, der andere plaudert über seine Haarverpflanzung. So gerät das CL-Finale auch zum Bekenntnis.”

David Brooks arbeitet im 9. Kapitel seines Buches “Das soziale Tier” heraus, dass Menschen unterschiedlich ehrgeizig sind. Brooks schreibt[4]:

“Hyper-ehrgeizige Menschen leiden oft an einem tiefen Gefühl von existenzieller Bedrohung. Schon vor langer Zeit haben Historiker festgestellt, dass erstaunlich viele der bedeutendsten Schriftsteller, Musiker, Künstler und politischen Führungsfiguren ein Elternteil hatten, das entweder starb oder sie im Stich ließ, als sie zwischen neun und 15 Jahren alt waren. Dazu gehören etwa Washington, Jefferson, Hamilton, Lincoln, Hitler, Gandhi und Stalin, um nur ein paar zu nennen. … Hochambitionierte Menschen lernen oftmals Menschen kennen, die ihrerseits sehr erfolgreich sind. Es kann sich dabei um jemanden aus ihrer Stadt, jemanden mit demselben ethnischen Hintergrund oder um eine Person handeln, die eine anderweitige Gemeinsamkeit mit ihnen hat. Diese Menschen weisen ihnen den Weg und ermuntern sie, ihr Potenzial auszuschöpfen.”

Laut Brooks haben ehrgeizige Menschen oft die Vision von einem bestimmten gehobenen Kreis, dem sie angehören wollen. Es sei ein weitverbreitetes Vorurteil, wonach ehrgeizige Menschen ihre Mitmenschen übertreffen, weil sie besser sein wollten als alle anderen. “In Wahrheit aber werden die meisten ehrgeizigen Menschen von dem Wunsch angetrieben, Mitglied in irgendeinem exklusiven Zirkel oder Klub zu werden.”[5]

Brooks begründet später unterschiedliche Verhaltensweisen mit unterschiedlichen Kulturen. So haben Forscher herausgefunden, dass etwa einige Kulturen korrupter sind als andere[6]. Ich will hier aber in Brooks Betrachtungen nicht so tief einsteigen, weil sie mich zur weit weg vom Thema führen.

 

Märkte gegen die Puppenspieler

Robert Shiller weist in seinem Buch Märkte für Menschen darauf hin, dass viele Akteure auf den Finanzmärkten versuchen, „unfaires Verhalten“ aufzuspüren. Sie machen das aber nicht öffentlich, sondern setzen mit entsprechenden Handelspositionen dagegen. Shiller schreibt[7]:

„Das sind oft die Menschen, denen Heuchelei schwer zusetzt. Sie wollen sich dadurch rechtfertigen, dass sie richtig liegen – nicht dadurch, dass sich richtig anhört, was sie sagen.“

Kritiker, die die Finanzmärkte unter Generalverdacht stellen, mögen das vielleicht nicht gern lesen, ich stimme hier Shiller aber voll zu, weil die Finanzmärkte als Kollektiv einen Beitrag leisten können, Ungleichheit abzubauen. Dies wird jedoch umso schwieriger, je komplizierter und undurchsichtiger die Regeln der Finanzmärkte werden.

Shiller macht auch deutlich, dass auf den Finanzmärkten gerade nicht nur die neoklassischen Maximierer unterwegs sind, die nur eigennützig und rational handeln, sondern auch welche mit moralischen Zielsetzungen[8]. Das ist freilich oft nicht ersichtlich, so dass man leicht zu dem Schluss gelangen kann, „dass eine solche unter Finanzfachleuten gar nicht existiert. Doch in Wirklichkeit projiziert der menschliche Geist bei den meisten Menschen eine solche Zielsetzung in den Alltag … Moralische Entscheidungen werden in dem Bewusstsein getroffen, dass quasi niemand bewertet, ob sie richtig sind, da andere dem höchstens sehr oberflächlich Aufmerksamkeit schenken.“ Shiller führt außerdem an, dass gern über die Verfehlungen von „Reichen“ berichtet wird, aber wenige Interesse daran besteht, was sie Gutes tun.

Zum Ende kommen

Diese Reihe ist nun fast ein Jahr alt. Sie war anfangs gar nicht so lang angelegt. Nur wenn man sich selbst erst einmal auf für ein Thema begeistert und sensibilisiert, dann findet man viel Stoff dazu. So ist es auch hier. Ich habe eingangs dieses Beitrags bereits erwähnt, einen Schlüssel für den Abschluss gefunden zu haben. Ich fürchte aber, dass dazu mehr als ein Beitrag erforderlich ist.


[1] Kerstin Bund, Stephan Lebert, Martin Kotynek, Macht Geld unmoralisch? auf: Zeit Online am 3.5.2013

[2] Siehe zu Snowden auch Khue Pham und Heinrich Wefing, Sein geheimes Leben, Zeit Online v. 26.6.13.

[3] Hajo Schumacher, Champions League: Jetzt spielt das neue gegen das alte Deutschland, auf Welt Online am 2.5.2013

[4] Vgl. David Brooks, Das soziale Tier, 2012, S. 208.

[5] Vgl. David Brooks, Das soziale Tier, 2012, S. 209.

[6] Vgl. David Brooks, Das soziale Tier, 2012, S. 237 mit entsprechenden Nachweisen.

[7] Robert Shiller, Märkte für Menschen, S. 224.

[8] Robert Shiller, Märkte für Menschen, S. 225.

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