Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie (21): Kooperation und Konfrontation

by Dirk Elsner on 6. Januar 2020

Im Sommer 2019 haben rund 200 US-Unternehmenschefs zum Umdenken bei den Unternehmenszielen aufgefordert und den Shareholder Value nicht mehr als die Top Priorität bezeichnet. „Nicht nur das Wohl der Anteilseigner, sondern das der ganzen Gesellschaft soll künftig zählen.“[1]

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Altes Minengelände in Namibia: Durch Wettbewerb abgeschaltet?

Dieses Statement weicht weit vom üblichen ökonomischen Narrativ ab, dass die Wirtschaft nach einem Regelwerk spielt, das durch die fiktive Figur des Gordon Gekko im Film Wall Street symbolisiert wird: „Gier ist gut“. Danach wird der Wert für die Gesellschaft am Vermögen gemessen und die einzige Verantwortung eines Unternehmens besteht darin, Werte für seine Aktionäre zu maximieren. Die unsichtbare Hand des Marktes, so das ökonomische Paradigma, werde dafür sorgen, dass das Richtige herauskommt. Diese Weltanschauung ist so allgegenwärtig geworden, dass wir uns daran gewöhnt haben, als ob sie wahr sein müsste.[2]

In Wirklichkeit, so schreibt der bekannte US-Evolutionsforscher David Sloan Wilson, „handelt es sich um eine sehr eigenwillige Sichtweise, die ihre Wurzeln im neunzehnten Jahrhundert hat, aber erst in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts an Bedeutung gewonnen hat. Sie basiert auf der besonderen Form des ökonomischen Reduktionismus, dem „homo oeconomicus“, der den Menschen als völlig selbstbewusste Akteure in einem reibungslosen Markt vorstellt. Der homo oeconomicus hat keine Emotionen. Er ist nur daran interessiert, sein Vermögen und sein Einkommen zu maximieren. Er interessiert sich nicht für andere Menschen, obwohl er sich für die Freizeit interessiert. Ein guter Geschäftsmann ist der, der den materiellen Reichtum maximiert. Gierig zu sein ist menschlich, es ist gut zu tun, und je gieriger du bist, desto erfolgreicher wirst du sein.“ [3]

Dieses Bild der Lehrbuchökonomie hat längst viele Risse bekommen und steht vor seiner Ablösung. Die evolutionstheoretische Sicht auf die Welt und die eng damit verbundene Neurobiologie hilft dagegen Sachverhalte einzubeziehen, für die die Ökonomie bisher keine Erklärungen bereitstellen konnte und daher mit sogenannten Anomalien arbeitet[4]. Die Evolutionstheorie zieht mit der in dieser Beitragsreihe vertretenen Multilevel Selektions-Theorie einen methodologischen Rahmen, der nach meiner Auffassung Evolutionstheorie, Neurobiologie, Psychologie und Sozialwissenschaften miteinander konsistent verbindet und damit auch die Modellwelten der Ökonomie erweitert[5].

Ein wichtiger Baustein sind dabei Kooperationen auf verschiedenen biologischen und kulturellen Ebenen (siehe dazu auch Teil 14 Kooperation schlägt Defektion, aber nicht immer). Neben der Kooperation gehört freilich auch die Konfrontation, der Wettbewerb und leider auch die Aggression zum menschlichen Verhalten. Um diese Spannung zwischen Kooperation und Konfrontation geht ist in dem vorliegenden Teil dieser Blogreihe.

Bisher erschienen in dieser Reihe “Moderne Evolutionstheorie schlägt Ökonomie”

 

1. Evolutionsbiologisches Verständnis hilft Ökonomie zu verstehen

Ich stoße bei meinem Interesse für das Thema immer wieder auf hoch interessante Literatur, die leider in Deutschland kaum wahrgenommen wird. Bevor ich auf Kooperation, Konfrontation, egoistisches Verhalten und Aggression eingehe, daher hier ein Hinweis auf den holländische Wirtschaftswissenschaftlers Jeroen C. J. M. van den Bergh, der mit “Evolution beyond Biology and Culture” ein starkes Buch vorgelegt hat, das die evolutionstheoretische Methodik ausführlich darstellt und vorschlägt, wie man diese konsequent auf die ökonomische und politische Praxis anwenden kann.

Jeroen C. J. M. van den Bergh bezeichnet die Bestandteile des evolutionären Prozesses als einen Prozess aus Variation, Selektion, Innovation und Replikation. Er erweitert die evolutionstheoretischen Methoden auf die Sozialwissenschaften und insbesondere auf die Ökonomie und ist überzeugt, ein solches erweitertes evolutionäres Denken kann überraschende Erkenntnisse über viele Aspekte der modernen Welt liefern, darunter Musik, Sport, wirtschaftliche Entwicklung, Kochen, Sprache, Medizin, Strafrecht, die Rolle von Sex und Geschlecht in der Gesellschaft, Religionen und sogar Humor.[6]

Die aus den Behavioural Economics bekannte These der begrenzten Rationalität steht im Einklang mit der Evolutionstheorie. Für van den Bergh ist klar, „dass Menschen aufgrund ihrer Intelligenz Probleme und Chancen antizipieren können. Dadurch verfügen sie über ungewöhnliche Problemlösungs- und Lernkapazitäten und können zielorientiertes und planerisches Verhalten zeigen. Diese Merkmale sind jedoch weit entfernt vom "homo oeconomicus", dem Modell der (neoklassischen) Mainstream-Ökonomie“. Nach diesem Modell hätten wir klar definierte Präferenzen und unbegrenzte geistige Kräfte, die es uns ermöglichen, individuell optimale Entscheidungen zu treffen. [7] Van den Bergh arbeitet in seinem Buch aber in Kapitel 8.4[8] plausibel heraus, dass viele Gedanken bekannter Ökonomen auf evolutionstheoretischen Grundlagen beruhen. Er nennt insbesondere Adam Smith, Karl Max, Alfred Marshall, Carl Menger, Friedrich Hayek, Milton Friedman, Armen Alchian und stellt insbesondere Joseph Schumpeter heraus, den er als einflussreichsten der frühen evolutionären Ökonomen bezeichnet[9].

Nach van den Bergh lasse sich die Untersuchung der Finanzmärkte mit einem evolutionären Ansatz durchführen, den er als Cousin der Behavioral Finance ansieht. Die Behavioral Finance untersucht, wie verschiedene Arten der begrenzten Rationalität das Verhalten der Investoren erklären. Da Männer beispielsweise überhöhtes Selbstvertrauen (overconfidence) zeigen als Frauen, neigen sie dazu, aggressiver zu investieren und höhere Gewinne zu erzielen. Oder Theorien über Verhaltensverzerrungen unter Unsicherheit erklären Aktienrätsel, die traditionelle Modelle mit rationalen Agenten nicht lösen können. Evolutionary Finance konzentriert sich stattdessen auf soziale Interaktionen zwischen den Akteuren, um eine Vielzahl von Finanzmarktphänomenen zu erklären. Ein evolutionärer Ansatz ist hier logisch, da er typischerweise Interaktionsnetzwerke zwischen mehreren, begrenzt rationalen Akteuren berücksichtigt, was zu Imitation ("Bandwagon-Effekte"), Verhaltensdiffusion und Informationsexternalitäten führt. Dabei treffen Investoren Entscheidungen, die vom rationalen, gut informierten Verhalten abweichen. [10]

Immer mehr Ökonomen adaptieren übrigens die modernen evolutionstheoretische Konzepte und übertragen sie auf die Ökonomie. Ein in Deutschland sehr bekannter Ökonom ist Dennis J. Snower. Er war Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. In seinem 2019 veröffentlichten Working Paper “Toward global paradigm change: beyond the crisis of the liberal world order” bezieht er sich mehrfach auf multilevel selection “that drives the evolution of human cultures.”[11] So erklärt Snower in dem Paper:

“Der Mensch ist eine so erfolgreiche Spezies, da er in der Lage ist, zu kooperieren, um voneinander zu profitieren, auch auf Kosten des Individuums. In der kulturellen Evolution wirkt der Selektionsprozess nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Gruppen auf mehreren Ebenen. Gruppen mit einem höheren Anteil an Kooperatoren können einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Gruppen egoistischer Individuen erlangen, so wie Zellgruppen, aus denen ein Organismus besteht, erfolgreich kooperieren. Der entscheidende Unterschied zwischen kultureller und biologischer Selektion auf mehreren Ebenen besteht darin, dass die Ideen, Regeln, Normen und Werte, die menschliche Kulturen antreiben, verwaltet werden können. Dieser Unterschied ermöglicht uns die Aufgabe, unsere sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereiche zu gestalten, um den menschlichen Wohlstand zu fördern.“ [12] Auf die Auswirkungen geht er in seinem Paper ein.

Snower fordert auf dieser Basis übrigens nichts Geringeres als ein neues Paradigma gegen die Krise der liberalen Weltordnung.

2. Multilevel-Selektions-Theorie betont die Kooperation

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich die Biologen mehrere Jahrzehnte lang einig, dass die natürliche Selektion auf einzelne Organismen oder die Gene, aus denen sie bestehen, zurückgeht. In den letzten dreißig Jahren haben jedoch immer mehr Wissenschaftler und Philosophen diese These in Frage gestellt und erweitert auf eine mehrstufige Selektion. Nach dieser Interpretation besteht das Leben auf der Erde aus einer Hierarchie von Individuen (Gene, Organellen, Zellen, Metazoen, Populationen, Gemeinschaften etc.), die alle in dem nächst höherem Level enthalten sind. Die Theorie ist zwar noch immer nicht ganz unumstritten[13], aber sie wird mittlerweile breit akzeptiert.[14]

Die dominanten Theorien in den Sozialwissenschaften, insbesondere die Wirtschaftswissenschaften, basieren auf Annahmen über das individuelle Verhalten und Vernachlässigen die Rolle von Gruppen. Folglich werden solche Theorien von der Idee der Mikrofundierung bestimmt (also vom Individuum zur Gruppe). Die in dieser Beitragsreihe im Fokus stehende Multilevel-Selektions-Theorie argumentiert dagegen, dass Phänomene auf Gruppenebene für die Sozialwissenschaft relevant sind, weil die Präsenz von Gruppen das Verhalten und die Interaktionen zwischen den Individuen verändern kann. Die Kombination von Individuen und Gruppen bedeutet, dass Aufwärts- und Abwärtsverursachung gleichzeitig wirken. Die Multilevel-Selektions-Theorie befasst sich mit der Entstehung, dem Wachstum und der Selektion von Gruppen und bietet einen immer breiteren akzeptierten Rahmen, um über Gruppendynamiken und die Schnittstellen zwischen Individuen und Gruppen nachzudenken. [15]

Die folgende Abbildung von Jeroen C. J. M. van den Bergh gibt einen schematischen Überblick über die Multilevel-Selektions-Theorie als eine Kombination von Individual bzw. Gruppen- und der Selektion zwischen verschiedenen Gruppen.

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Abbildung: Multilevel Selektion (Quelle: Jeroen van den Bergh[16]‏)

Ein wichtiger Bestandteil ist, dass Menschen verschiedenen Gruppen angehören, etwa Familie, Paar, Verwandte, Freunde, Kollegen, Vereinen, Stamm, Volk, Land, Region und beliebige weitere Gruppen. Während die Mitglieder innerhalb ihrer jeweiligen Bezugsgruppen kooperieren, stehen sie im Wettbewerb/Konflikt mit außenstehenden Gruppen. Gruppenphänomene können mit einer Vielzahl von sozialen Präferenzen verbunden sein, darunter Reziprozität, gegenseitige Fairness, Ungleichheitsaversion, reiner Altruismus, altruistische Bestrafung, Trotz, Neid, Vergleich und Statussuche.[17] Ich habe in die Multilevel-Selektions-Theorie bereits ausführlich in den Abschnitten V, VI und VII dieser Reihe eingeführt.

Viele Autoren der Multilevel-Selektions-Theorie betonen die Bedeutung der Kooperationskomponente in dem Modell. Eine der Kernaussagen ist, dass der Mensch eine so erfolgreiche Spezies geworden ist, weil er auch auf Kosten des Individuums kooperieren kann. Für Verhalten in Gruppen wird oft die biologische Bezeichnung „Eusozialität“ verwendet, also Verhalten, das die Gruppe stärkt. Dazu können Kommunikation, Kooperation, Arbeitsteilung, Solidarität, Altruismus gerechnet werden.

“Zu kooperieren, anderen zu helfen und Gerechtigkeit walten zu lassen ist eine global anzutreffende, biologisch verankerte menschliche Grundmotivation. Dieses Muster zeigt sich über alle menschlichen Kulturen hinweg und findet sich auch in jenen wenigen Gesellschaften, die sich heute noch auf dem Niveau der Steinzeit bewegen.[18]

3. Neurobiologische Auslöser für Aggression

Dass alle Menschen miteinander kooperieren, mag eine romantische Vorstellung sein, die jedoch fernab von jeder Alltagserfahrung ist. Schließen sich Menschen zu einer Gruppe zusammen (Eigengruppe) folgt daraus, dass es ebenso Menschen gibt, die nicht dazu gehören (Fremdgruppe) können oder wollen. Und damit bedeutet Kooperation, dass zwar für die Eigengruppe kooperiert wird, dies aber auch gegen eine Fremdgruppe erfolgen kann. Die Kehrseite der Kooperation ist damit die Konfrontation bzw. der Wettbewerb oder der Konflikt oder gar die Aggression gegen andere Personen und Gruppen. Die Aggression durch Gruppen und Einzelpersonen und gehört ohne Zweifel zu den ebenfalls häufig beobachtbaren Verhaltensweisen von Menschen. Neurobiologen sehen Aggression als ein biologisch verankertes Programm, ohne dass wir nicht hätten überleben können.[19] Joachim Bauer definiert Aggression wie folgt:

“Aggression ist jede physische oder verbale Handlung, die darauf angelegt ist, eine andere Person zu konfrontieren, anzugreifen, zu schädigen, zu verletzen oder zu töten. Dabei wird vorausgesetzt, dass es sich um eine Aktion handelt, die von der geschädigten Person abgelehnt wird oder der sie auszuweichen trachtet. Zur Aggression gehören Gefühle, die wir mit den Worten »Ärger«, »Zorn«, »Wut« und »Hass« bezeichnen.”[20]

Bauer betont aber, dass unsere evolutionären Vorfahren weder blutrünstige Jäger noch Mörder waren, „sondern überwiegend vegetarisch lebende Wesen, deren Überleben nur deshalb gelang, weil sie, begleitet von einer beachtlichen Zunahme ihres Gehirnvolumens, nicht nur eine überlegene Intelligenz, sondern vor allem ein phänomenales soziales Kooperationsverhalten entwickelten.”[21]

Steven Pinker stellt aber in seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ fest, dass wir im modernen Geistesleben gern ausblenden, dass zum Wesen des Menschen Gewalt gehören kann.

“Die Idee, wir seien in der Evolution aus Hippie-Schimpansen hervorgegangen und für primitive Völker sei Gewalt überhaupt kein Begriff, wurden zwar durch die Tatsachen der Anthropologie widerlegt, manchmal liest man aber immer noch, dass Gewalt nur von wenigen schwarzen Schafen ausgeübt wird, die sämtliche Schäden anrichten, während alle anderen im Kern friedlich seien.”[22]

Ein Blick auf die beiden Affenarten Bonobos und Schimpansen, die als eng verwandte Art des heutigen Menschen gelten, ist sehr erhellend und unterstreicht, dass Primaten nicht nur für Kooperation stehen. Die Evolution hat aus einem gemeinsamen Vorgänger unterschiedliche Arten hervorgebracht. Erst vor ein bis zwei Millionen Jahren trennte die Evolution beide Affenarten[23]. Die Trennung soll durch den Fluss Kongo begünstigt worden sein. Im Norden des Kongobeckens leben die Schimpansen, im Süden die Bonobos.

Schimpansen gelten als aggressiver während Bonobos Konflikte eher mit Zuneigung lösen. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben herausgefunden, dass ähnlich wie Menschen männliche Schimpansen sich einander bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen unterstützen[24]. „Bonobomännchen, denen solche Konflikte weitestgehend fremd sind, verlassen sich hauptsächlich auf die Hilfe weiblicher Tiere, insbesondere ihrer Mütter, um Konflikte mit anderen Männchen in der Gruppe beizulegen. Bei beiden Arten kooperieren die Weibchen mit Artgenossinnen bei der Aufzucht des Nachwuchses.“[25]

R. Douglas Fields hat in einem Übersichtsartikel für die Zeitschrift Gehirn und Geist den aktuellen Stand der Forschung zusammengefasst und zeigt das komplexe Zusammenspiel verschiedener Hirnareale, die aggressives Verhalten erzeugen oder es unterdrücken.

„Ein wichtiger Bereich ist das Aggressionszentrum im Hypothalamus. Diese winzige Ansammlung von Nervenzellen erhält Informationen von anderen Regionen und steuert daraufhin physiologische Reaktionen wie einen erhöhten Puls, die einem Gewaltausbruch vorausgehen. Die Amygdala ist dagegen wichtig für die Gefahrenerkennung. Sie empfängt Sinneseindrücke, die eine Bedrohung signalisieren, sowie Informationen des präfrontalen Kortex- Dieser Bereich der Großhirnrinde ordnet Informationen ein und hilft uns so, komplexe Entscheidungen zu fallen, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und Impulse zu kontrollieren.“ [26]

Die Motivationssysteme des Menschen sind, was unser zwischenmenschliches Verhalten betrifft, nicht primär auf Aggression, sondern auf Zuneigung und soziale Akzeptanz gerichtet. … Die Aggression bedient sich primär nicht der Motivationssysteme, … sondern anderer Adressen unseres Gehirns.”[27] Der Psychologe und Neurobiologe Joachim Bauer stellt in seinem Buch Scherzgrenze detailliert die neurobiologischen Ursachen von Aggression dar. Als einen wichtigen Auslöser sieht er Schmerz und seine Ursachen, wie Ausgrenzung, Ungleichheit und viele andere Faktoren an.[28] Bauer sieht den Aggressionsapparat aber als Hilfssystem des Motivationssystems:

“Dieses Prinzip ist bis heute gültig. Der Aggressionsapparat erweist sich … als ein Hilfssystem des Motivationssystems: Bindung, Akzeptanz und Zugehörigkeit sind überlebenswichtig. Sind sie bedroht, reagieren die Alarmsysteme des menschlichen Gehirns. Als unmittelbare Folgen zeigen sich Angst und Aggression. Da in der Evolution kaum etwas Bestand hat, wenn es rückblickend keinen »Sinn« hat, muss und darf angenommen werden, dass der Sinn der Aggression darin zu suchen ist, dass sie uns ein Verhaltensprogramm zur Verfügung stellt, das uns helfen soll, entstandene Störungen im Bereich der sozialen Zugehörigkeit zu beheben. Wer Ausgrenzung erzeugt, Bindungen bedroht oder die Gemeinschaft zu zerstören sucht, wird als Gefahr wahrgenommen und soll – hier wirken Aggressionsapparat und Motivationssystem dann einträchtig zusammen – bestraft werden.”[29]

Bauer betont, dass die neurobiologischen Schmerzzentren des menschlichen Gehirns nicht nur auf körperlichen Schmerz reagieren, sondern auch dann aktiv werden, wenn Menschen ausgegrenzt oder gedemütigt werden. Außerdem schreibt er:[30]

„Ebenfalls Teil des Aggressionsschaltkreises ist das Belohnungssystem des Gehirns, zu dem unter anderem das Striatum und der Nucleus accumbens gehören. Diese Tatsache kann verschiedene Formen aggressiven Verhaltens wie Mobbing oder psychopathische Gewalt erklären. Gewalt kann Gefühle von Überlegenheit und Dominanz erzeugen und Freude bereiten. Der Hauptakteur des Belohnungssystems ist Dopamin, und viele Rausch- und Suchtmittel wie etwa Kokain erhöhen die Konzentration des Neurotransmitters.

Studien des Neurowissenschaftlers David Anderson vom California Institute of Technology haben gezeigt, dass die gleichen neuronalen Netzwerke an so gegensätzlichen Gefühlen wie Liebe und Hass beteiligt sind. Sowohl aggressives Verhalten als auch der Geschlechtsakt rufen starke Erregungszustände hervor und – bei Erfolg intensive Belohnungsgefühle. Und sie werden beide von ähnlichen Umwelteinflüssen und inneren Körperzuständen beeinflusst. In der Natur bedingen sich Aggression und Paarungsverhalten häufig gegenseitig. So sind beispielsweise männliche Tiere während der Paarungszeit aggressiver.“ [31]

Joachim Bauer hat aus der neurowissenschaftlichen Aggressionsforschung folgende Auslöser für den biologischen Aggressionsapparat zusammengestellt.

  1. Schmerz[32]:
  2. Stellvertretende Aggression und Mitleid, also wenn wir Menschen beobachten, dass anderen Schmerz zugefügt wird[33].
  3. Sozial Ausgrenzung: Fehlende Zugehörigkeit zu einer Gruppe und Zurückweisung durch andere Menschen[34].
  4. Kommunikativen Funktion der Aggression[35]:
  5. Armut und Ungleichverteilung: Eine Einkommens- und Vermögensungleichverteilung jenseits der Schmerzgrenze ist mit Ausgrenzungs- und Demütigungserfahrungen verbunden und begünstigt die Gewaltbereitschaft der Bevölkerung eines Landes. [36]

Nach Auffassung von Bauer bleibt die Aggression auch dann, wenn wir in der Lage wären, unser soziales Zusammenleben optimal zu gestalten, ein unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. Sie tritt regelmäßig auch dort auf, wo relativ gute soziale Bedingungen herrschen und wo neurobiologische Defizite oder psychische Störungen keine Rolle spielen. Eine wesentliche Funktion der Aggression ist die eines biologischen Signals, wenn die körperliche Unversehrtheit bedroht ist oder wenn Menschen, wie oben bereits dargestellt, sozial ausgegrenzt oder gedemütigt werden.“[37] Um hier nicht falsch verstanden zu werden. Dieser Abschnitt dient nicht dazu Aggression und Gewalt zu rechtfertigen, sondern sich ihren neurobiologischen Ursprüngen zu nähern.

4. Unfairness fördert Aggression

Nach Darstellung von Joachim Bauer ist das Motivations- bzw. Triebsystem des menschlichen Gehirns auf Kooperation und Fairness ausgerichtete. Wer dies nicht berücksichtigt,

„wird die Grundregeln der Aggression nicht verstehen können. »Aus Sicht des Gehirns« bedeutet die Verweigerung von sozialer Akzeptanz und Gerechtigkeit nicht nur, dass die Aktivierung des Motivationssystems ausbleibt, obwohl bereits dies alleine schwerwiegende Folgen haben kann. Denn dauerhaft verweigerte Akzeptanz kann einen kritischen Abfall von gesund erhaltenden Botenstoffen und psychische und körperliche Erkrankungen zur Folge haben.

Wer einen Menschen unfair behandelt, tangiert die neurobiologische Schmerzgrenze und muss mit Aggression rechnen. In massiver Weise ungerecht behandelt zu werden hat beim Menschen eine Aktivierung der neurobiologischen Ekelzentren (sie sind ein Teil des Aggressionsapparates) zur Folge. Sich spontan aggressiv aufzuführen oder anderen ohne Grand Gewalt zuzufügen ist – wie von mir bereits eingangs deutlich gemacht wurde – aus Sicht des menschlichen Motivationssystems kein lohnendes Unterfangen. Völlig anders verhält es sich jedoch, wenn eine Person sich gegenüber anderen unfair verhalten hat: Wie Experimente zeigen, wird Gewaltausübung in einer solchen Situation – und nur in einer solchen Situation – attraktiv. Der Aggressionsapparat des Menschen ist ein neurobiologisches Hilfssystem, er steht seiner biologischen Grundkonzeption nach im Dienst des sozialen Zusammenhalts.”[38]

 

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Abbildung: (Quelle Joachim Bauer[39]): Schlechte soziale Erfahrungen oder Schlechte soziale Beziehungserfahrungen (Unfairness, Misstrauen, Ausgrenzung) lassen das Motivationssystem des menschlichen Gehirns inaktiv werden. Als Folge können seelische und körperliche Erkrankungen auftreten und/oder Aggressivität ausgelöst werden.

Auch Bauer möchte, dass wir uns der Tatsache bewusst werden, „dass die äußere Welt niemals nur »gut« oder nur »böse« ist. In einer Welt der knappen Ressourcen werden sich Fairness und Unfairness immer in einem Mischungsverhältnis befinden.“ [40]

5. Eigengruppe vs. Fremdgruppe

Im Teil 20 dieser Reihe, habe ich bereits auf den US Neurowissenschaftler Robert Sapolsky hingewiesen. Sapolsky hat herausarbeitet, dass unser Gehirn sogenannte Wir/Sie-Dichotomien bildet, d.h. wir teilen die Menschen in „Wir“ oder Eigengruppe und „Sie“ bzw. Fremdgruppe auf.[41] Die Bruchlinie unseres Gehirns macht Sapolsky dabei im Botenstoff Oxytocin[42] aus. Dieses Hormon fördert Vertrauen, Großzügigkeit und Kooperation gegenüber dem „Wir“ und gemeineres Verhalten, präventive Aggression gegenüber „Sie“. [43] Dazu einige weitere Feststellungen von Sapolsky[44]:

Eine Gruppen-Bildung kann bereits auf Basis minimal gemeinsamer Merkmale basieren, ist aber eher ein psychologischer als ein genetischer Effekt. Wir empfinden positive Assoziationen auch bereits bei Menschen, die höchst belanglose Merkmale mit uns teilen. Die Macht der Wir/Sie-Bildung zeigt sich u.a. an der Geschwindigkeit, mit der das Gehirn Gruppenunterschiede verarbeitet, und an der geringen Zahl von Sinnesreizen, die für diesen Prozess erforderlich sind sowie an der Tendenz, Gruppen nach willkürlichen Unterschieden zu bilden und diesen Markierungen dann enorme Bedeutung zu verleihen.

Das Wesen einer Wir-Gesinnung ist eine nichtzufällige Gruppenbildung, die eine überdurchschnittliche Häufigkeit positiver Interaktionen zwischen den Gruppenmitgliedern hervorruft.

Verbunden mit Eigengruppen-Loyalität und -Bevorzugung ist eine erhöhte Empathie-Fähigkeit. Beispielsweise wird die Amygdala aktiviert, wenn wir ängstliche Gesichter sehen, aber nur, wenn sie Gruppenmitgliedern gehören; handelt es sich um Mitglieder einer Fremdgruppe, kann die Tatsache, dass »Sie« Furcht zeigen, sogar eine gute Nachricht sein.

So wie es bestimmte Formen gibt, wie wir die Eigengruppe sehen, so gibt es auch bestimmte Muster, die bestimmen, wie wir die Fremdgruppe sehen. Sehr häufig nehmen wir sie als bedrohlich, böse und wenig vertrauenswürdig wahr.

Sapolsky fragt, inwieweit unsere Gedanken über die Fremdgruppen nachgeschobene Rationalisierungen unserer Gefühle für sie sind. Für die Wir/Sie-Bildung lassen sich leicht kognitive Begründungen finden. John Jost von der New York University hat sich einen Aspekt dieses Phänomens herausgegriffen – nämlich die kognitiven Verrenkungen, die die Leute in Spitzenpositionen auf sich nehmen, um den ungleichen Status quo des bestehenden Systems zu rechtfertigen. Unter Umständen bedarf es kognitiver Verrenkungen, um die Fremdgruppe als Bedrohung zu sehen.

Die Forschung von Jonathan Haidt an der New York University zeigt, dass unter solchen Umständen kognitive Begründungen nachgeschobene Rechtfertigungen für Gefühle und Intuitionen sind, die uns selbst davon überzeugen sollen, dass wir doch eine rationale Erklärung für das Warum gefunden haben. Die Automatizität der Wir/Sie-Bildung zeigt sich in der Geschwindigkeit, mit der Amygdala und Insellappen solche Dichotomien herstellen – die affektive Beteiligung des Gehirns geht der bewussten Wahrnehmung voraus; manchmal wird das Bewusstsein auch völlig umgangen, zum Beispiel bei unterschwelligen Reizen. Menschen, die Vorurteile gegen eine Fremdgruppe bestimmter Art hegen, neigen dazu, auch Vorurteile gegen andere Fremdgruppen zu haben – und zwar aus affektiven Gründen.

Sapolsky arbeitet in der Folge heraus, dass Menschen verschiedenen Eigengruppen angehören und sich deren relative Bedeutung rasch verändern kann; nicht alle Gruppen sind gleichwertig. Es lassen sich außerdem komplexe Taxonomien bilden, um die verschiedenen Arten von Gruppen und die durch sie hervor gerufenen Reaktionen einzuordnen.[45]

6. Egoistisches Verhalten in großen Gruppen: Nowaks Simulationen von Konkurrenz und Kooperation

Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass auch innerhalb von Gruppen Kooperation und Verhalten zum Wohl der Gruppe keineswegs selbstverständlich ist. Der österreichisch-US-amerikanischer Mathematiker und Biologe Martin A. Nowak erklärt in seinem Buch “Kooperative Intelligenz”, dass Kooperation die Architektin komplexer Lebensformen ist.[46] Nowak hat aber zusammen mit Karl Sigmund in verschiedenen evolutorischen Simulationen auch gezeigt, dass es immer wieder zu einem Kampf zwischen Defektoren und Kooperatoren kommt, in dem keine Seite dauerhaft überlegen bleibt. Der deutsche Ökonom Friedrich Thießen schreibt dazu:

„Sehr große Gruppen bieten besondere Probleme, soweit es um „richtiges“, „faires“ Verhalten geht: In sehr großen Gruppen spielt der Einzelne praktisch keine Rolle mehr. Die Menge des Gruppengutes, heute also insbesondere die Vorteile der globalen Arbeitsteilung, ist völlig unabhängig davon, ob ein Individuum sich am Aufwand beteiligt oder nicht. Sein Verhalten ist für die riesige Gruppe insgesamt völlig bedeutungslos. Ob er sich gruppenkonform verhält, ob er innerhalb der Gruppe versucht, die anderen auszubeuten, spielt für die Menge des Kollektivgutes keine Rolle. Natürlich muss es die Gruppe insgesamt verhindern, dass sich alle Gruppenmitglieder ausbeuterisch verhalten. Sie muss Sanktionen und Anreize zum Wohlverhalten bieten. Aber wenn jemand eine Möglichkeit sieht, um diese Sanktionen herumzukommen und wenn die Anreize zum Wohlverhalten zu schwach sind, gibt es für den Einzelnen immer den Anreiz, sich egoistisch zu verhalten und mehr aus der Gruppe herauszuholen als er hereinsteckt bzw. ihm entsprechend der Gruppennormen zusteht. Das ist der Platz für egoistisches, böses, opportunistisches, hässliches Verhalten – wie auch immer man ein Verhalten, das nicht im Sine der Gruppe sein kann, bezeichnen will.“ [47]

Nowak und Sigmund designten evolutionärer Simulationen[48]. Dabei orientierten sie sich am berühmten Computerturnier von Robert Axelrod. Auf Basis des spieltheoretischen Modells des Gefangenendilemmas ließen sie, wie Axelrod, verschiedenste Strategien in einer Computersimulation gegeneinander antreten. Sie entwickelten dabei das Modell von Axelrod in zwei Varianten weiter:

  1. Sie verzichteten auf konventionellen deterministischen Strategien und nutzten stattdessen probabilistische, die für unschärfere und zufälligere Ergebnisse sorgten.
  2. Eine siegreiche Strategie konnte sich fortpflanzen.
  3. Bei der Fortpflanzung der Strategie konnte es zufallsbedingt zu Mutationen kommen, so dass sich die Strategie wandelte.

Die Idee war also, ein Spektrum von Strategien zu nutzen, die nach dem Zufallsprinzip per Mutationen generiert und anhand der natürlichen Selektion evaluiert werden sollten. Die Strategien zeigten in ihrem Verhalten Zufälligkeiten:

“Sie kooperierten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, wenn der Gegner kooperiert hatte, taten dies aber mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit auch dann, wenn er defektiert hatte. … Manche vergeben eine von zwei, andere eine von fünf Defektionen usw. Und einige Strategien sind natürlich unerbittlich und vergeben getreu dem Alten Testament fast nie.” Um zu untersuchen, wie sich Kooperation entwickelt, unterzogen Nowak und Siegmund “diese Mixtur aus Strategien einem Prozess der natürlichen Auslese, durch den sich die siegreichen Strategien vermehren konnten, während die weniger erfolgreichen Rivalen auf der Strecke blieben und untergingen.”

“Diejenigen Strategien, die am meisten Punkte errangen, wurden mit Nachkommen belohnt: mit je einer weiteren Version ihrer selbst, die dann ins nächste Rennen ging. Entsprechend wurden diejenigen, die schlecht abgeschnitten hatten, aus dem Spiel genommen. Als eine besonders realistische Gestaltung richteten wir es so ein, dass die Reproduktion nicht perfekt verlief. Manchmal entstanden per Mutation neue Strategien.”[49]

Das Turnier begann mit einem Zustand des «Urchaos», also zufallsbedingte Strategien. In ihren Simulationen aus Populationen von Kooperatoren und Defektoren beherrschten zunächst die Defektoren das Leben und vermehrten sich zu Lasten der Kooperatoren. Und wenn niemand mehr zum Ausbeuten übrigblieb … , wechselte das Spiel die Richtung. Die Defektoren wurden zurückgedrängt starben aus und machten den Weg frei für einen Aufstieg der Kooperation.”[50]

In eine evolutionsbiologische Form gegossen, zeigen sie mit Hilfe des Gefangenendilemmas, dass Kooperation und Konflikt immer nebeneinanderstehen. Menschen helfen einander und unterstützen manchmal sogar fremde Menschen und Tiere, weil dies eine entscheidende Rolle dabei spielt, dass sich das Leben weiterentwickelt. Kooperation ist die Architektin komplexer Lebensformen.[51] Kooperation erzählt aber bei weitem nicht die ganze Geschichte der Evolution.

7. Konfrontation vs. Kooperation

Die Evolutionstheorie und Neurobiologie bestätigen, der Mensch braucht die Gruppe etwa als Familie, Verwandtschaft, Freunde oder unterstützende politische und berufliche Strukturen. Gruppen vermitteln Identität und das biologisch notwendige Wir-Gefühl. Auf die eigene Gruppe zu hören, deren Werte zu akzeptieren und an ihrer Wertbildung mitzuwirken ist daher naheliegend. Problematisch dabei ist, dass die für den Menschen so wichtige Gruppenzugehörigkeit und der daraus erwachsene Gruppenvergleich (mit anderen Gruppen) bei Gruppenmitgliedern ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Gruppen erzeugen kann, das Unverständnis, Überheblichkeit, Hass und Kampf zur häufigen Folge haben kann. „Das menschliche Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit ist danach mit einem Überlegenheitsgefühl (der eigenen Gruppe) verknüpft! – Diese Einsichten des Verhaltens von Gruppenmitgliedern gegenüber fremden Gruppen (und deren Mitgliedern), ergänzt die Regeln des internen Gruppenverhaltens.”[52]

Das Zusammenspiel von Individual- und Gruppenselektion kann auch als Zusammenspiel von Egoismus/Konfrontation und Kooperation angesehen werden. Dazu schreibt Edward O. Wilson:

“Genau definiert, ergibt sich Individualselektion aus dem unterschiedlichen Überlebens- und Fortpflanzungserfolg von Individuen im Wettkampf mit anderen Gruppenmitgliedern. Gruppenselektion ist der unterschiedliche Überlebens- und Fortpflanzungserfolg der Gene, die für die Merkmale der Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern codieren; wirksam wird sie im Wettkampf mit anderen Gruppen.”[53]

Ich glaube, dass sich das Hin- und Her zwischen “Gut” und “Böse”, zwischen “fairen” und “unfairen” Verhalten damit leichter verstehen lässt. Wilson gibt letztlich sogar eine Antwort auf die Frage: “Ist Fairness für Muppets?”[54]. Auch wenn Wilson die Frage natürlich so nicht formuliert hat: Ja! Fairness ist für Muppets, aber ohne faires Verhalten und Kooperation wären wir längst ausgestorben. Durch die Entstehungsgeschichte der Menschheit zieht sich der weiter andauernde Kampf zwischen Konfrontation mit Egoismus und Kooperation mit Altruismus.

Schmidt-Salomon bestätigt dies:

“Wir müssen nämlich solidarisches Handeln aus Mitleid als ein für Menschen typisches, eigennütziges Verhaltensmuster interpretieren. Wer dies bezweifelt, sollte sich vor Augen führen, dass bereits die Fähigkeit, mitleiden zu können, ein Produkt eigennütziger evolutionärer Überlebensstrategien ist. Die stete Zunahme des Gehirnwachstums, die im Verlauf der hominiden Entwicklung beobachtet werden kann, ist nämlich vor allem darauf zurückzuführen, dass die Träger komplexerer Gehirne wegen ihrer höheren sozialen Intelligenz Vorteile gegenüber einfacher strukturierten Artgenossen besaßen. Warum? Weil die Fähigkeit, die vielschichtigen Rollendifferenzierungen innerhalb einer sozialen Gruppe zu durchschauen und für sich nutzbar machen zu können, einen entscheidenden Überlebensvorteil bedeutete. Das evolutionär gewachsene Empathievermögen war die Voraussetzung für erfolgreiches Lügen, Betrügen, Kooperieren und Intrigen-Spinnen und schuf – quasi als Nebenwirkung – die Basis für ein durch Mitleid (und Mitfreude!) motiviertes altruistisches Verhalten.[55]

8. Egoistische Individuen vs. Gruppen von Altruisten

Edward O. Wilson hat mit seinem Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ eine beeindruckende Geschichte der Evolution vorgelegt. Er fasziniert mit vielen Details, die erklären, woher wir Menschen kommen. Eine Besonderheit von uns Menschen ist nach Wilson, dass wir mit einem umfangreichen Arbeitsgedächtnis unsere Intentionen angemessen zum Ausdruck bringen können und die der anderen hervorragend ablesen können. Er schreibt weiter:

“Jäger und Sammler wie Börsenmakler schwatzen bei jedem sozialen Zusammentreffen, sie bewerten andere, schätzen ihre Vertrauenswürdigkeit ein und spekulieren über ihre Absichten. Unsere Anführer entwickeln ihre politischen Strategien mit dem Instrumentarium der sozialen Intelligenz. Geschäftsleute nutzen das Gedankenlesen, das Erspüren von Intentionen, um ihre Deals einzufädeln, und ein Großteil der Kunst dient ihrem Ausdruck. Als Individuen können wir kaum einen Tag ohne den Einsatz kultureller Intelligenz überleben, und sei es nur in den häufigen Probeläufen in unseren privaten Gedanken. Menschen sind in sozialen Netzwerken.”[56]

Menschen sind in sozialen Netzwerken verwoben und von Kindesbeinen dazu veranlagt, Intentionen anderer Menschen zu lesen und zu kooperieren, wenn sich gemeinsame Interessen abzeichnen. Für Wilson ist die soziale Kooperation und Kommunikation ein zentraler Baustein für den “Erfolg” des Menschen.

Seine Beschreibungen belegt Wilson Ergebnissen der biologischen Forschung. Er leitet aus den Ergebnissen eine “eiserne Regel” für die “genetischen Sozialevolution” ab:

“Demnach sind egoistische Individuen altruistischen Individuen überlegen, während Gruppen von Altruisten Gruppen von egoistischen Individuen überlegen sind. Der Sieg ist nie endgültig; das Gleichgewicht der Selektionsdrücke kann sich nie an eines der Extreme verlagern. Würde die Individualselektion dominieren, so würden sich die Gesellschaften auflösen. Bei einer Dominanz der Gruppenselektion würden die menschlichen Gruppen irgendwann Ameisenkolonien gleichen.

Jedes Mitglied einer Gesellschaft verfügt sowohl über Gene, an deren Produkten die Individualselektion, als auch über Gene, an denen die Gruppenselektion angreift. Jedes Individuum ist in ein Netzwerk mit anderen Gruppenmitgliedern eingebunden. Seine eigene Überlebens- und Fortpflanzungsfähigkeit hängt zum Teil von seiner Interaktion mit den anderen Netzwerkteilnehmern ab. Verwandtschaft beeinflusst die Struktur des Netzwerkes, stellt aber nicht seinen entscheidenden Evolutionsantrieb dar, wie es die Gesamtfitness-Theorie fälschlich annimmt.”[57]

Wilson bezieht also in seine Erklärung auch das egoistische Verhalten von Individuen ein. Anderer Biologen sagen, es “sei für das Individuum auf lange Sicht gewinnbringender, sich kooperativ nach dem Fairnessprinzip („Wie du mir, so ich dir“) zu verhalten, d. h. gewisse Ressourcen mit anderen zu teilen, als Kooperationspartner rücksichtslos zu übervorteilen. Warum? Weil Individuen, die sich stets unkooperativ verhalten und sich nur auf den kurzfristigen Gewinn hin orientieren, sozial schnell isoliert werden und am Ende schlechter dastehen als ihre kooperationsbereiten Artgenossen – ein deutliches Zeichen für den Selektionsvorteil kooperativen Verhaltens.”[58]

Nowak und Highfield fällt ebenfalls auf, “dass eine Population, die ganz aus Kooperatoren bestellt, im Durchschnitt eine bessere Überlebensfähigkeit zeigt als eine, in der nur Defektoren agieren. Tatsächlich vernichtet die natürliche Auslese eine Eigenschaft, die für eine Population als Ganzes am besten wäre. Sie arbeitet gegen das übergeordnete Wohl.”[59] Wenn die Bedrohung, durch eine rivalisierende Gruppe ausgelöscht zu werden, ausreichend groß ist, können die Kosten der Individuen, die sich zum Wohl der Gruppe aufopfern, durch die verbesserten Überlebenschancen der Gruppe als Ganzes ausgeglichen werden.”[60]

9. Zeit für ein Modell

Bei der Evolution geht es genauso sehr um Kooperation wie um Wettbewerb und Konfrontation. Betrachtet man aber die Evolution aber nur durch die Wettbewerbslinse, verpassen wir wesentliche Elemente unserer eigenen sozialen Entwicklung und haben Schwierigkeiten, die Menschheit als ein großes, miteinander verbundenes Team zu verstehen.[61]

Karlheinz Ruckriegel macht deutlich, wenn man von der Egoismus-Annahme abgeht, etwa indem man etwa argumentiert, dass auch der Nutzen anderer mitberücksichtigt wird, „dann werden die auf der homo oeconomicus-Annahme beruhenden Modelle konturenlos und unangreifbar, d.h. tautologisch, weil nun alles denkbar ist, und aufgrund des Modells keine wirtschaftspolitisch verwendbaren Schlussfolgerungen mehr gezogen werden können.”[62]

Seit fast viereinhalb Jahren dauert nun meine Reise durch die moderne Evolutionstheorie und Neurobiologie an. Ich habe viele Aspekte beleuchtet und mit hoher Wahrscheinlichkeit viele wichtige Details übersehen. Gleichwohl möchte ich mit dem nächsten Beitrag den ersten Versuch wagen, die Erkenntnisse in einem Modell zusammenzufassen, das auch für ökonomische Anwendungsfälle hilfreich sein kann.


[1] Ohne Verfasser, Amerikas Unternehmenslenker rufen zur Nachhaltigkeit auf, FAZ Online am 20.08.2019. Ob das wirklich ernst gemeint ist oder nur eine kommunikative Geste, wird man mit etwas Abstand in ein paar Jahren erkennen können.

[2] Vgl. David Sloan Wilson, The View of Life, 2019, Kindle Edition, Pos. 2180 f.

[3] Vgl. David Sloan Wilson, The View of Life, 2019, Kindle Edition, Pos. 2188 f.

[4] Ausgerechnet die Behavioral Economics, die viele kluge Erklärungen für das Verhalten in der Wirtschaftspraxis liefern, nehmen das neoklassische Modell weiterhin als Maßstab und sprechen bei Abweichungen fälschlicherweise von Verhaltensanomalien, kognitiven Verzerrungen und irrationalem Verhalten. Ich halte das nicht nur für falsch, sondern sogar für gefährlich (siehe dazu Teil 13).

[5] Ich glaube, man wird sogar zeigen können, dass das bisher vorherrschenden neoklassische Paradigma als ein Spezialfall in der evolutionstheoretischen Modellierung enthalten ist.

[6] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences. Kindle-Version 2018, Pos. 317.

[7] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences. Kindle-Version 2018, Pos. 8416.

[8] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences. Kindle-Version 2018, Pos. 8447 ff.

[9] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences. Kindle-Version 2018, Pos. 8524.

[10] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences. Kindle-Version 2018, Pos. 8820 f.

[11] Dennis J. Snower, Toward global paradigm change: beyond the crisis of the liberal world order, ZBW Working Paper, 2019, S. 2.

[12] Dennis J. Snower, Toward global paradigm change: beyond the crisis of the liberal world order, ZBW Working Paper, 2019, S. 2.

[13] Zur Literaturübersicht über die anhaltende Debatte, siehe Beitrag 9 dieser Reihe.

[14] H Gibson, C. Kwapich u. M. Lang, The Roots of Multilevel Selection Theory: Concepts of Biological Individuality in the Early Twentieth Century, in: Multilevel Selection and the Theory of Evolution, 2018

[15] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences, Kindle-Version, Pos. 5319.

[16] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences, Kindle-Version 2018, Pos. 5422 sowie Twitter

[17] Jeroen C. J. M. van den Bergh, Human Evolution beyond Biology and Culture: Evolutionary Social, Environmental and Policy Sciences, Kindle-Version 2018, Pos. 5431.

[18] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 39.

[19] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 44.

[20] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 45.

[21] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 11.

[22] Steven Pinker, Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit, 2011, Kindle Edition, Pos. 13.037.

[23] Max Rauner, Die zwei Gesichter des Menschen, Zeit Online am 15.4.2016.

[24] Der niederländische Primatenforscher Frans de Waal schreibt, die Genom-Analyse von wir Menschen, Schimpansen und Bonobos zeige, dass wir Menschen bestimmte Gene mit den Bonobos gemein haben, die wir nicht mit den Schimpansen teilen. Und umgekehrt gibt es aber auch Gene, die wir mit den Schimpansen teilen, nicht aber mit den Bonobos. De Waal hält uns Menschen an guten Tagen für so sanft und freundlich wie die Bonobos, und an schlechten Tagen so tyrannisch und brutal wie die Schimpansen. Frans de Waal, Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote: Moral ist älter als Religion, 2016, Kapitel 3.

[25] o. V., Max-Planck-Gesellschaft, Kriegerische Auseinandersetzungen könnten unterschiedliche Sozialstrukturen bei Schimpansen und Bonobos erklären, veröffentlich am 3.5.2017. Siehe ergänzend Tobias Deschner, Konkurrenz, Kooperation und Hormone bei Schimpansen und Bonobos, Forschungsbericht Max-Planck-Gesellschaft 2012.

[26] R. Douglas Fields, Die Wurzeln der Aggression, Gehirn und Geist 1/2020, S. 53.

[27] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 46.

[28] Vgl. Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 47 ff.

[29] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 60 f.

[30] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 191.

[31] R. Douglas Fields, Die Wurzeln der Aggression, Gehirn und Geist 1/2020, S. 52 ff.

[32] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 47 ff.

[33] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 57

[34] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 58 ff.

[35] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 62.

[36] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 113 ff.

[37] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 110.

[38] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 39 f.

[39] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 40.

[40] Joachim Bauer, Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, 2013, S. 40.

[41] Robert Sapolsky: "Gewalt und Mitgefühl", Regensburg 2017, S. 502.

[42] Siehe dazu ausführlich Teil 12 Das “Stammeshormon” Oxytocin und Bindung an Gruppen.

[43] Robert Sapolsky: "Gewalt und Mitgefühl", Regensburg 2017, S. 503. Sapolsky vertieft den Ansatz auf den Seiten 503 ff.

[44] Robert Sapolsky: "Gewalt und Mitgefühl", Regensburg 2017, S. 503 – 524.

[45] Robert Sapolsky: "Gewalt und Mitgefühl", Regensburg 2017, S. 525 ff.

[46] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution

[47] Friedrich Thießen, Die Evolution von Gut und Böse in Marktwirtschaften: Theorie und Praxis, 2014, S. 58 f.

[48] Ich kann hier nicht darstellen, wie diese Simulationen konkret aufgebaut sind. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich die Diplomarbeit von Henrik Schaake über “Simulierte Kreativität am Beispiel der Entstehung kooperativen Verhaltens”, Hochschule Fulda v. 19.8.2008.

[49] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Pos. 760 ff.

[50] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Pos. 791.

[51] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Pos. 462.

[52] Heinz Barta, Beitrag zur Tagung: ‚Der Alte Orient und die Entstehung der Athenischen Demokratie‘, Bremen/Hanse-Wissenschaftskolleg, Freitag, 3. Juni bis Samstag, 4. Juni 2016, Demokratie als kulturelles Lernen, erschienen am 30.5.2017, S. 53.

[53] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 3756 ff.

[54] Vgl. Teil 20 dieser Reihe: Die Biologie erklärt das “Muppet-Problem

[55] Michael Schmidt-Salomon, Auf dem Weg zur Einheit des Wissens, 2007, S. 6 f.

[56] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 3496.

[57] Edward O. Wilson, “Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen”. Position 3778 ff.

[58] Michael Schmidt-Salomon, Auf dem Weg zur Einheit des Wissens, 2007, S. 4.

[59] Vgl. Martin A. Nowak, Roger Highfield, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Pos. 388.

[60] Martin A. Nowak, Kooperative Intelligenz: Das Erfolgsgeheimnis der Evolution, Kindle Edition, 2013, Pos. 1729 ff.

[61] Douglas Rushkoff, Evolution Is Not the Cause of Selfish Capitalism, veröffentlicht auf Medium.com am 14.1.2019.

[62] Karlheinz Ruckriegel, Abschied von der Neoklassik (Standard Economic Model), Sonderdruck Schriftenreihe der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Nr. 59, Februar 2015, S. 11.

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